Der Rücksitz — Hörgeschichte für Erwachsene zum Entspannen

Shownotes

Es ist Sonntag, kurz nach vier. Die Tasche ist gepackt wie jede Woche, das Hörbuch steht noch mitten im Satz, und das Licht im Kinderzimmer brennt. Zehn Minuten später steht der graue Kombi auf dem Autohof bei Schleswig, unter dem orangegelben Licht des Rasthauses, und der Fahrer nickt.

Fünf Stunden liegen dazwischen. Die A7 südwärts, die Knicks im Januargrau, die Schlei irgendwo rechts hinter den Feldern — man sieht sie nicht und weiß, dass sie da ist. Dann die Kiefern von Mecklenburg, die Pizzafabrik in Wittenburg, die nachts durchläuft, die Skihalle in der Tiefebene. Und irgendwann die Lichter, erst einzeln, dann viele auf einmal. Eine ruhige Geschichte über das Dazwischen: nicht Fahrer, nicht Ziel, einfach mitfahren.

Staffel 3 · Folge 1

Eine ruhige Hörgeschichte für Erwachsene zum Entspannen — ohne Werbung, kostenlos, vorgelesen.

Stille Orte — erzählte Geschichten von stillen Orten und Momenten. Jeden Freitag eine neue Episode. Alle Folgen: stilleorte.de

Transkript anzeigen

00:00:00: Stille Orte, eine Hörgeschichte.

00:00:03: Der Rücksitz Es ist Sonntag. Nicht früher Sonntag, nicht der Sonntag der noch alles offen lässt. Dieser Sonntag, der schon weiß was er ist.

00:00:14: Man packt die Tasche nicht lange. Kleidung für fünf Tage. Zwei Hemden, Unterwäsche, eine Hose die auch am Dienstag noch geht. Das Ladekabel. Die Kopfhörer. Das Hörbuch ist seit gestern geladen, der Stand noch da wo man aufgehört hat, irgendwo in der Mitte eines Satzes,

00:00:32: der Sprecher wartet geduldig. Das kennt man schon.

00:00:36: Was in die Tasche gehört und was nicht, das geht aus dem Handgelenk, ohne Liste, ohne Nachdenken.

00:00:43: Am Anfang war das anders, am Anfang wurde zweimal nachgesehen, ob alles drin ist.

00:00:49: Jetzt ist es eine Bewegung, die der Sonntag von selbst macht.

00:00:53: Draußen ist es kurz nach vier.

00:00:56: Der Himmel über Friedrichsfeld liegt grau und still, wie er im Januar liegt.

00:01:01: Ohne Anstrengung, ohne Absicht, einfach grau, als wäre das die ehrlichste Farbe die er kennt.

00:01:07: Ein Grau das nicht auf Sonne wartet. Ein Grau das für sich steht. Die Jacke an, die Tasche an die Tür.

00:01:16: Dann steht man noch einen Moment.

00:01:18: Das Haus atmet. Irgendwo darin ein Geräusch, ein kleines, das man kennt,

00:01:23: der Boden der nachgibt, die Heizung die tickt, das Leise von Zuhause. Man könnte es blind gehen,

00:01:29: dieses Haus. Jede Schwelle, jede Stufe die knarrt, die Stelle im Flur wo der Läufer sich schiebt.

00:01:36: Man geht es gleich nicht mehr, fünf Tage lang. Und man merkt, wie man kurz stehen bleibt, um es zu behalten.

00:01:44: Das Licht im Kinderzimmer brennt noch.

00:01:47: Man lässt es brennen.

00:01:48: Dann greift man die Tasche, zieht die Tür hinter sich zu, und das Schloss fällt mit dem Geräusch das es immer macht.

00:01:55: Satt.

00:01:56: Endgültig bis Freitag.

00:01:59: Draußen ist die Luft kalt.

00:02:02: Januar-Kalt, das Kalt das nicht an die Haut will sondern direkt durch sie.

00:02:07: Der Kies auf dem Weg ist feucht, die Auffahrt dunkel, die Straße leer.

00:02:12: Man atmet kurz, und die Luft ist da, sichtbar,

00:02:15: ein kleiner heller Rest vor dem Mund.

00:02:18: Dann fährt man.

00:02:20: Nicht weit. Zehn Minuten auf der A sieben südwärts, und dann die Abfahrt.

00:02:25: Schleswig-Jagel, Busdorf. Wikingerland.

00:02:29: Der Name steht in großen Lettern über dem Eingang des Autohofs, und man fragt sich jedes Mal ob jemand das wirklich so wollte oder ob es einfach passiert ist.

00:02:40: Ein Wikingerschiff auf dem Spielplatz. Aus Holz gebaut, mit Schild und Ruder, die Farbe ein bisschen abgeblättert. An den Wänden Runen.

00:02:49: Man hat nie nachgeschaut was sie bedeuten.

00:02:52: Vielleicht bedeuten sie etwas.

00:02:54: Vielleicht steht da nur: Willkommen,

00:02:56: tanken Sie gerne.

00:02:58: Eine Shell-Tankstelle. Ein Burger King dessen Licht orangegelb leuchtet und dessen Geruch man schon auf dem Parkplatz riecht,

00:03:06: Fett und Salz und das leise Versprechen von Schnelligkeit. Ein Restaurant mit Sitzplätzen, dunkle Holzstühle, Fenster die innen beschlagen sind.

00:03:16: Man ist nie in das Restaurant gegangen.

00:03:18: In einem halben Jahr nicht einmal. Man kennt nur den Parkplatz. Den Bordstein, der an einer Stelle abgebrochen ist. Die Pfütze, die bei jedem Regen an derselben Senke steht. Und den Fahrer.

00:03:33: Er steht schon da.

00:03:34: Der Skoda Kombi, grau, nicht mehr neu, mit einem kleinen Kratzer an der Stoßstange der seit dem ersten Sonntag da ist und seither nicht mehr erwähnt wurde. Der Fahrer lehnt nicht.

00:03:44: Er steht einfach.

00:03:48: Er ist immer schon da, immer ein bisschen vor der Zeit, als wäre Pünktlichkeit für ihn keine Anstrengung sondern eine Gewohnheit die schon so lange da ist dass sie keine Mühe mehr kostet. Er nickt.

00:04:01: Man nickt zurück.

00:04:02: Man hat ein paar Mal versucht, mehr zu reden. Am ersten Sonntag, am zweiten.

00:04:08: Der Fahrer antwortet, immer freundlich, immer kurz.

00:04:11: Er ist kein Mensch der redet um zu reden. Das ist kein Mangel. Das ist einfach wie er ist.

00:04:17: Man hat aufgehört es als Mangel zu sehen.

00:04:21: Irgendwann im Februar. Irgendwo

00:04:23: zwischen Neumünster und Bad Segeberg.

00:04:26: Man hat begriffen dass das Schweigen kein Abstand ist sondern eine Art von Höflichkeit.

00:04:32: Er lässt einem den Rücksitz.

00:04:34: Er lässt einem die Zeit.

00:04:35: Das ist mehr als man dachte.

00:04:38: In fünf, sechs Fahrten hat man gelernt wie viel Sprache nötig ist. Nicht viel.

00:04:44: Guten Abend, nicken, Tür zu.

00:04:46: Er ist ein guter Fahrer, gleichmäßig, ruhig, einer der nicht schneller wird wenn die Straße frei ist,

00:04:53: einer dem das Ankommen genauso sicher erscheint wie das Fahren.

00:04:57: Seine Hände liegen locker am Lenkrad, oben, wie bei jemandem der das seit dreißig Jahren macht und dem nichts mehr zustößt was ihn überrascht.

00:05:06: Man vertraut ihm ohne es je entschieden zu haben.

00:05:11: Einmal, im März, hat er doch etwas gesagt, unaufgefordert.

00:05:15: Es hatte geschneit, spät, ein nasser Schnee der auf der Fahrbahn liegen blieb, und der Skoda fuhr langsamer als sonst.

00:05:23: Der Fahrer sah kurz in den Rückspiegel und sagte: Bei so was hat man keine Eile. Mehr nicht. Aber es blieb. Ein Satz von einem der sonst nicht redet, wiegt anders.

00:05:36: Man hat ihn behalten wie einen Stein den man am Weg aufhebt, ohne Grund, einfach weil er gut in der Hand liegt.

00:05:45: Drei Minuten später kommt die Frau. Vielleicht Mitte dreißig, ein Rucksack, eine Winterjacke die schon bessere Jahre gesehen hat,

00:05:53: ein Kaffeebecher aus Pappe den sie hält als wäre er das Einzige was gerade warm ist.

00:05:59: Sie kennt den Fahrer etwas besser als man selbst.

00:06:02: Die beiden reden. Über die Woche, über etwas, was am Donnerstag war, über jemanden den man nicht kennt.

00:06:09: Die Hälfte versteht man, richtig hin hört man nicht.

00:06:14: Man stellt die Tasche in den Kofferraum.

00:06:16: Das Innere des Kofferraums riecht nach Plastik und einer langen Fahrt.

00:06:21: Ein Eiskratzer liegt da, ein leerer Kanister, eine Decke die zusammengelegt ist wie in einem Auto in dem oft jemand mitfährt.

00:06:30: Man setzt sich nach hinten, rechts, das Fenster zur Seite. Die Tür fällt zu.

00:06:36: Gedämpfter werden die Stimmen vorne. Das Gespräch geht weiter, aber von hier aus ist es wie aus einem anderen Raum. Angenehm.

00:06:45: Man ist drinnen und trotzdem für sich.

00:06:49: Der Fahrer greift zum Telefon. Er hält es kurz hoch, sucht kurz, und dann sagt er, in einem Ton der schon hundert Mal so geklungen haben muss, an hundert Sonntagen, in hundert Januaren, die man nicht gekannt hat: Google, navigiere mich nach Berlin. Und Google sagt: Ja.

00:07:09: Und der Motor läuft. Und der Skoda setzt sich in Bewegung. Die A sieben ist fast leer.

00:07:17: Nicht ganz, nicht wirklich leer. Ein Lastwagen der gleichmäßig in der rechten Spur bleibt.

00:07:23: Ein Wagen der überholt und dann wieder langsamer wird.

00:07:27: Manchmal einer der zu nah auffährt und dann zu weit zurückfällt, als hätte er sein Tempo noch nicht gefunden.

00:07:35: Aber weniger Autos als sonst. Viel weniger.

00:07:39: Das ist dieser Winter, diese Monate die gekommen sind und aus allem was man kannte etwas Halbes gemacht

00:07:45: haben.

00:07:46: Halboffene Städte, halbbesetzte Büros, halbvolle Straßen.

00:07:52: Die Welt fährt noch, aber leiser.

00:07:55: Man hat sich fast daran gewöhnt, an diese leiseren Straßen, an das Gefühl, dass Platz ist wo sonst keiner war.

00:08:03: Hinter Schleswig liegt die Schlei. Dort hinten.

00:08:07: Man sieht sie nicht von der Autobahn.

00:08:09: Aber man weiß dass sie da ist, irgendwo rechts hinter den Feldern, grau und still im Januar, das Wasser das sich von der Ostsee entfernt hat und es seitdem nicht bereut.

00:08:21: Man setzt die Kopfhörer ein.

00:08:23: Das Hörbuch beginnt.

00:08:25: Der Sprecher setzt genau an der Stelle an wo er gewartet hat, mitten in einem Satz, mitten in einer Szene, als wäre gar nichts gewesen.

00:08:35: Irgendwo geht eine Geschichte weiter.

00:08:37: Figuren die man sich inzwischen vorstellt, Gesichter die nicht beschrieben sind aber trotzdem da sind,

00:08:44: ein Ort den man so gut kennt wie einen den man wirklich kannte.

00:08:49: Vorne reden die beiden noch.

00:08:51: Man hört es nicht,

00:08:53: nur die Lautstärke, das Auf und Ab von Gesprächen unter Fremden die dieselbe Strecke kennen.

00:08:59: Manchmal ein Lachen.

00:09:02: Das ist das Beste am Hörbuch.

00:09:04: Der Sprecher kommt mit. Er ist da bevor man die Kopfhörer einsetzt,

00:09:09: er ist da nachdem man sie rausnimmt, er wartet, er fängt an wo er aufgehört hat,

00:09:15: er macht keine Szene.

00:09:18: Man hat in diesem halben Jahr viele Stunden mit einem Sprecher verbracht den man nie sehen wird.

00:09:24: Eine Stimme. Eine Geschichte. Mehr braucht es nicht für einen Sonntag-Rücksitz auf der A sieben.

00:09:32: Die Schlei liegt irgendwo rechts.

00:09:34: Zu sehen ist sie nicht. Aber man weiß es. Diese Art von Wissen, die man nur hat, wenn man irgendwo aufgewachsen ist. Das Wasser, ohne es zu sehen. Der Wall der dahinter liegt, flach und alt, als wäre er immer da gewesen.

00:09:51: Die Biegung des Flusses, ohne die Karte. Der Geruch von ihm im Herbst, das Grau von ihm im Januar, das Grün von ihm im Mai, als Kind, daran entlang, und der Sommer hatte noch gar nicht angefangen.

00:10:06: Ich bin hier groß geworden, in diesem Landstrich, und ich merke erst auf dem Rücksitz, wie tief das sitzt.

00:10:13: Man trägt so einen Ort mit sich, ob man will oder nicht.

00:10:17: Er ist nicht auf der Karte. Er ist in einem drin.

00:10:21: Die Schlei liegt da.

00:10:23: Der Skoda fährt vorbei. Und man ist schon zwei Dinge auf einmal.

00:10:29: Einer der wegfährt. Und einer der bleibt, dort hinten, bei dem Wasser das man nicht sieht.

00:10:36: Dann ruhiger.

00:10:38: Dann kaum noch was.

00:10:40: Irgendwann ist die Frau still.

00:10:42: Man kann es nicht sehen, aber es ist stiller geworden vorne.

00:10:46: Der Fahrer fährt.

00:10:49: Man schaut aus dem Fenster. Januar-Felder, braun und flach, mit Resten von Schnee in den Mulden, am Rand der Knicks.

00:10:58: Knicks, diese alten Hecken aus Weißdorn und Schlehe, die das Land gliedern, die die Koppeln voneinander trennen, die hier seit Jahrhunderten stehen und nichts dafür brauchen als ein bisschen Rand.

00:11:11: Kein Laub jetzt.

00:11:13: Aber sie stehen gut. Sie ziehen vorbei, einer nach dem anderen, eine Linie im Grau, und dahinter noch eine,

00:11:22: und dahinter das Feld, offen bis zum Rand des Sehens.

00:11:27: Der Himmel über den Feldern ist groß. So groß wie nur hier. Hier oben.

00:11:33: In Berlin gibt es Himmel auch, aber er kommt in Streifen, zwischen Häusern, über Kreuzungen, als müsste er sich entschuldigen für den Platz den er braucht.

00:11:43: Hier ist er einfach

00:11:45: offen.

00:11:46: Von Horizont zu Horizont, ohne Begründung, ohne Entschuldigung.

00:11:52: Man vermisst diesen Himmel bereits bevor man weg ist.

00:11:56: Man merkt das erst jetzt, im Fahren, im Abschied.

00:12:01: Irgendwo bei Bad Segeberg wechselt die Straße. A einundzwanzig, dann

00:12:06: A vierundzwanzig.

00:12:08: Man merkt es an der Kurvenneigung, an den anderen Schildern, an der Art wie die Landschaft aufhört flach zu sein für einen Moment und dann wieder flach wird, nur anders.

00:12:20: Das Hörbuch läuft.

00:12:22: Irgendwo überquert man die Grenze von Schleswig-Holstein nach Mecklenburg-Vorpommern.

00:12:27: Es steht kein Schild das es ankündigt. Kein Ortswechsel, kein Fluss, keine Brücke die es markiert.

00:12:35: Die Landschaft ändert sich so langsam dass man nicht sagen kann wann.

00:12:40: Aber irgendwann sind die Kiefern anders. Dichter vielleicht. Die Schatten zwischen den Stämmen tiefer. Die Felder die man noch sieht zwischen den Waldstücken flacher.

00:12:52: Das Gefühl von Grenzen, die man nicht sieht aber spürt, kennt man hier.

00:12:58: Das Pendeln hat es einem gelehrt, jeden Sonntag durch mehrere Welten. Schleswig-Holstein ist das eine. Mecklenburg ist das nächste. Dann Brandenburg. Dann Berlin.

00:13:11: Vier verschiedene Arten von Luft, vier verschiedene Arten von Dunkel in der Nacht.

00:13:18: Vorher wusste man das nicht, jetzt weiß man es.

00:13:23: Irgendwo zwischen den Kiefern gibt es einen See.

00:13:26: Man sieht ihn nur kurz, von der Autobahn aus,

00:13:29: durch eine Lücke zwischen den Stämmen. Schwarz liegt er da. Vollkommen still, kein Licht auf dem Wasser, keine Bewegung. Nur die Fläche.

00:13:41: Der Skoda fährt, und der See verschwindet.

00:13:45: Aber er war da.

00:13:47: Das ist etwas.

00:13:49: Das ist das kleine Etwas das diese Fahrten immer haben, irgendwo zwischen dem Vertrauten.

00:13:56: Einen See den man kurz sieht und der schon weg ist.

00:14:00: Ein Reh das vielleicht am Rand stand.

00:14:03: Eine Brücke die man nicht bemerkt hat bis man schon drüber ist.

00:14:07: Man merkt sich das nicht. Aber es bleibt.

00:14:10: Es sammelt sich, Sonntag für Sonntag, ohne dass man es sortiert.

00:14:16: Ein kleiner Vorrat aus Dingen die niemand fotografiert.

00:14:21: Die Frau vorne schläft jetzt.

00:14:24: Man kann es hören, die Stille hat eine andere Textur.

00:14:28: Der Fahrer fährt gleichmäßig. Immer dieselbe Geschwindigkeit, nicht schneller wenn die Straße leer wird, nicht langsamer wenn der Lastwagen davor drückt.

00:14:40: Das ist das Vertraute an ihm.

00:14:43: In einem halben Jahr hat man gelernt was Vertrauen zu jemandem im Auto bedeutet.

00:14:49: Es bedeutet nicht viel zu denken. Es bedeutet einfach zu sitzen und die Straße zu lassen was sie ist.

00:14:56: Man lehnt den Kopf ein wenig gegen die Scheibe.

00:14:59: Die Scheibe ist kalt. Das ist gut.

00:15:02: Die Geschichte im Ohr läuft, und man folgt ihr, und draußen ziehen die Bäume vorbei, die Kiefern von Mecklenburg, die hier enger stehen als in Schleswig-Holstein,

00:15:13: dichter, dunkler, als hätte der Wald hier entschieden mehr zu sein.

00:15:19: Es gibt eine eigene Zeit im Rücksitz.

00:15:22: Nicht die Zeit des Fahrens. Nicht die Zeit der Arbeit, die am Montag beginnt, die einen erwartet und die man kennt und die trotzdem jedes Mal neu ist.

00:15:33: Eine Zeit die dazwischen liegt. Eine Zeit die man für sich hat, während alles andere wartet.

00:15:41: Nicht mehr zuhause. Noch nicht dort.

00:15:44: Dazwischen liegt der Rücksitz, und das Hörbuch, und die Scheibe gegen die man lehnt, und die Kiefern die vorbeiziehen ohne Namen.

00:15:53: Das ist schon fast etwas.

00:15:55: Das ist fast ein Geschenk.

00:15:58: Man denkt auch an das, was man nicht denkt.

00:16:01: Auf dem Rücksitz gibt es Gedanken die man zuhause nicht denkt,

00:16:05: die man im Büro nicht denkt, die nur kommen wenn man sitzt und fährt und nichts tun muss.

00:16:11: Keine großen Gedanken.

00:16:13: Keine Entscheidungen.

00:16:15: Eher: ein Bild. Das Gesicht des Kindes am Morgen. Der Baum im Garten der diesen Winter kahler ist als sonst.

00:16:24: Ein Satz den jemand letzte Woche gesagt hat und der seitdem irgendwo liegt. Das Gesicht beim Abschied, wie jemand winkt und dann schon dreht bevor man weg ist.

00:16:35: Nicht kalt.

00:16:37: Nur: die Geste ist bekannt. Das Abfahren ist bekannt.

00:16:41: Es ist oft genug gewesen.

00:16:43: Das Winken ist keine Bitte mehr, es ist ein Gruß aus der Gewohnheit.

00:16:49: Das Licht im Flur heute Morgen. Die Haustür noch einmal aufgemacht, weil da der Gedanke war, man hätte etwas vergessen. Hatte man nicht. Und stand doch noch eine Sekunde in der offenen Tür.

00:17:02: Die Luft von drinnen gemischt mit der Luft von draußen. Das Drinnen war warm. Das Draußen war Januar. Die Grenze lag genau dort wo man stand.

00:17:14: Ein Gespräch von vor drei Wochen. Nicht wichtig. Ein Abend.

00:17:19: Jemand hat etwas gesagt und man hat gelacht und dann ist der Abend weitergegangen.

00:17:24: Aber der Satz sitzt noch.

00:17:26: Auf dem Rücksitz findet er sich wieder. Kurz in die Hand genommen, ein bisschen gedreht.

00:17:32: Dann wieder hingelegt.

00:17:35: Diese Bilder kommen auf dem Rücksitz. Und man lässt sie. Und dann sind sie weg.

00:17:40: Man hat das nie aufgeschrieben.

00:17:42: Keine Notizen, kein Tagebuch, keine App die fragt wie es einem geht.

00:17:48: Nur das Fahren.

00:17:49: Nur der Rücksitz der die Bilder aufnimmt und weiterträgt.

00:17:54: Man fragt sich manchmal ob die Fahrten die ersten waren in denen man gelernt hat zu lassen.

00:18:00: Nicht zu entscheiden, nicht zu planen, nicht durchzudenken. Einfach: kommen lassen.

00:18:07: Das ist selten.

00:18:08: Das Erwachsenenleben ist ein Schieben von Dingen. Ein ständiges Anfassen, ein ständiges Entscheiden. Welcher Termin, welche Antwort, welches Essen, welches Wort.

00:18:20: Auf dem Rücksitz entscheidet man nichts.

00:18:22: Man sitzt, man atmet.

00:18:24: Der Fahrer fährt. Und für ein paar Kilometer ist das genau richtig so.

00:18:31: Irgendwann, nach gut zwei Stunden, taucht auf der rechten Seite ein Licht auf.

00:18:36: Ein Komplex, beleuchtet, groß, kalt. Industrielicht, das keine Stimmung erzeugen will, das einfach leuchtet weil Nacht ist und die Arbeit weitergeht. Die Tiefkühlpizza-Fabrik in Wittenburg.

00:18:50: Sie liegt direkt neben der A vierundzwanzig als hätte jemand sie dort hingestellt und sie wäre dann einfach so geblieben.

00:18:58: Seit über dreißig Jahren.

00:19:01: Achthunderttausend Pizzen am Tag, so hat man es einmal gelesen.

00:19:06: Eine Zahl, die sich nicht fassen lässt, wie oft sie auch gelesen wird.

00:19:10: Man versucht es kurz. Achthunderttausend. Und lässt es wieder. Und das ohne Pause, ohne Sonntag, ohne Schnee, ohne den Fahrer der sich jetzt die Schulter kratzt ohne die Spur zu verlassen.

00:19:24: Einfach weiter.

00:19:25: Irgendwo hinter diesen Fenstern läuft ein Band, und Teig wird zu Teigboden, und Teigboden wird zu Pizza, und niemand darin weiß dass draußen ein grauer Skoda vorbeifährt mit jemandem der das gerade denkt.

00:19:40: Man stellt sich vor wie jemand in der Stadt, in einer kleinen Küche, vielleicht auf dem Weg in die Mitte dreißig, ein Sonntagabend der schon müde ist, eine Pizza aufmacht die hier an der A vierundzwanzig gebacken wurde.

00:19:54: Fünfhundert Kilometer zwischen Ofen und Esstisch. Das Hörbuch läuft.

00:20:00: Kurz nach der Fabrik kommt die Skihalle. Ein Gebäude das aussieht als hätte es sich in die falsche Landschaft verirrt.

00:20:08: Das Dach ist lang und schräg und höher als alles andere drumherum,

00:20:12: ein künstlicher Berghang mitten in der Tiefebene von Mecklenburg-Vorpommern, wo kein natürlicher Hügel auch nur die Absicht gezeigt hätte Ski-Piste zu sein. In Wittenburg. Man

00:20:24: fährt jedes Mal daran vorbei. Jeden Sonntag. Jeden Freitag auf dem Rückweg.

00:20:29: Man hat nie jemanden ankommen sehen. Man hat nie jemanden weggehen sehen.

00:20:34: Aber es gibt Parkplätze und Beleuchtung, also muss jemand hineingehen.

00:20:39: Samstag vielleicht, mit Kindern die Ski fahren wollen und noch nie einen echten Berg gesehen haben. Die dann hinunterfahren auf einem Hang der nicht länger als zweihundert Meter ist, immer wieder, im Kreis,

00:20:52: und abends essen sie Pizza. Vielleicht von drüben.

00:20:56: Man lächelt ein bisschen, ohne dass jemand es sieht.

00:21:00: Das ist Wittenburg. Dieser Ort mit seiner Tiefkühlpizza und seiner Skihalle und seiner Autobahn die nicht aufhört.

00:21:08: Und dann ist es vorbei. Die Lichter verschwinden. Die Kiefern kommen wieder.

00:21:13: Das Hörbuch läuft weiter.

00:21:16: Es gibt eine Stelle auf dieser Fahrt, irgendwo nach Wittenburg und vor dem Berliner Ring, wo man wirklich nirgendwo ist. Nicht mehr Schleswig. Noch nicht Berlin. Nicht einmal Wittenburg.

00:21:28: Die Autobahn läuft geradeaus, schnurgerade,

00:21:31: die Kiefern stehen zu beiden Seiten so dicht dass man nichts dahinter sieht,

00:21:36: das Licht kommt nur von den Scheinwerfern und von den Rücklichtern des Lastwagens da vorne der gleichmäßig fährt.

00:21:43: Der Fahrer fährt. Das Hörbuch läuft irgendwo in seiner Geschichte.

00:21:48: Man hat aufgehört zuzuhören, aber es läuft noch.

00:21:51: Draußen ist es dunkel. Richtig dunkel.

00:21:55: Das Dunkel das man in der Stadt nicht mehr findet, das Dunkel das keine Straßenlaterne kennt, das einfach Nacht ist weil es Nacht ist.

00:22:03: In diesem Dunkel fährt man. Und ist wach. Nicht müde-wach, nicht angestrengt. Einfach da, mit offenen Augen, während die Welt sich gleichmäßig bewegt.

00:22:14: Man denkt. Nicht an etwas Bestimmtes. Nicht geplant. Die Art von Denken die nur entsteht wenn der Körper ruht und die Straße vertraut ist,

00:22:23: so vertraut dass das Fahren aufhört Fahren zu sein und einfach wird.

00:22:29: Man denkt an Montag. An das Büro das inzwischen vertrauter ist als am ersten Tag, aber noch nicht ganz vertraut.

00:22:36: An die Kollegin die immer früher da ist als alle anderen.

00:22:40: An den Kaffeeautomaten in der dritten Etage der einen Tick zu viel Milch gibt egal was man einstellt. An die Wege die man inzwischen auswendig kennt.

00:22:50: Und gleichzeitig denkt man an zuhause. An das Licht das vorhin noch im Kinderzimmer brannte.

00:22:56: An das leise Geräusch des Hauses.

00:22:58: An den Freitagabend der kommen wird, in vier Tagen, wenn man dieselbe Abfahrt rückwärts fährt und dieselbe Tür aufschließt und der Geruch des Hauses einem entgegenkommt und alles für zwei Tage an einem Ort ist.

00:23:13: Man ist zwei Dinge gleichzeitig.

00:23:15: Einer der hier sitzt, der die Woche vor sich hat, der weiß was Montag bedeutet. Und einer der irgendwo wartet, der zählt, der den Freitag kennt und daran festhält wie an etwas, was sicher ist.

00:23:27: Das ist nicht schwer. Das ist einfach wie es ist.

00:23:31: Es ist der Rücksitz der das ermöglicht. Nicht das Fahren. Nicht die Straße.

00:23:37: Der Rücksitz ist der Ort an dem nichts entschieden werden muss.

00:23:40: Im Büro wird entschieden, zuhause wird entschieden.

00:23:44: Auf dem Rücksitz sitzt man einfach, ist Passagier. Das Steuer liegt woanders, die Richtung auch. Nur dabei,

00:23:51: mehr ist es nicht.

00:23:53: Und in diesem Dabei entsteht etwas, was man sonst nicht hat. Eine Pause die sich nicht wie eine Pause anfühlt weil man sich bewegt.

00:24:02: Eine Stille die sich nicht wie eine Stille anfühlt weil das Hörbuch läuft.

00:24:06: Eine Einsamkeit die sich nicht wie Einsamkeit anfühlt weil da vorne zwei Menschen sitzen.

00:24:11: Drei Arten von Nicht. Und dazwischen: man.

00:24:17: Irgendwann kommen die Lichter. Erst einzeln. Ein Licht, weit weg, dann nah. Dann mehr. Dann viele auf einmal, als hätte jemand draußen einen Schalter umgelegt.

00:24:29: Der Berliner Ring. Die Autobahn wird breiter, mehr Spuren, mehr Schilder, die Abstände zwischen den Autos werden kürzer und die Geschwindigkeiten ungleicher.

00:24:40: Man richtet sich ein wenig auf. Man merkt es am eigenen Rücken, an den Schultern, dass etwas zu Ende geht.

00:24:46: Die Stadt zieht einen zurück in ihre Ordnung, in ihr Tempo, in ihr Vieles-auf-einmal.

00:24:53: Und ein Teil von einem ist schon wieder wach für all das, prüft die Zeit, rechnet die Umstiege.

00:25:00: Die Stadt beginnt nicht irgendwo, sie beginnt einfach. Plötzlich sind Häuser da, und Brücken, und Fenster die erleuchtet sind mit dem Licht von Menschen die zuhause sind.

00:25:11: Der Fahrer verlässt die Autobahn. Eine Auffahrt, eine Kurve.

00:25:16: Die Frau erwacht. Sie sagt etwas Weiches, schüttelt sich kurz, schaut aus dem Fenster. Man nimmt die Kopfhörer raus. Das Hörbuch pausiert mitten in einem Satz.

00:25:28: Der Sprecher wartet. Immer noch geduldig. Die Frau bedankt sich, nimmt ihren Rucksack, drückt die Tür auf.

00:25:36: Man nickt. Der Fahrer nickt. Sie geht.

00:25:39: Man nimmt die Tasche aus dem Kofferraum.

00:25:43: Der Fahrer sagt kurz etwas, Gute Woche, man sagt dasselbe zurück.

00:25:48: Dann fährt der Skoda. Und man steht. Auf einem Gehweg irgendwo am Rand der Stadt. Nicht weit von der Autobahn.

00:25:56: Man hört sie noch.

00:25:59: Es ist kurz nach neun. Vielleicht halb zehn.

00:26:03: Der Bahnhof ist ruhig hier draußen.

00:26:05: Ein paar Stufen. Ein Aufzug der leuchtet.

00:26:08: Man fährt einige Stationen südwärts, die S-Bahn ist fast leer, ein Mann schläft drei Sitze weiter, eine Frau liest, ein Kind das nicht schläft und nicht redet,

00:26:19: einfach schaut.

00:26:21: Am Potsdamer Platz steigt man um. Die S-Bahn riecht nach dem was S-Bahnen riechen. Plastik und Menschen und etwas Elektrisches.

00:26:30: Es ist nicht unangenehm. Es ist einfach Berlin.

00:26:34: Man hat gelernt Gerüche als Orientierung zu lesen. Zuhause riecht es nach Kälte und Feld. In Mecklenburg nach Kiefer. In der S-Bahn nach Plastik und Elektrisch.

00:26:46: Und das Zimmer in der Urbanstraße riecht nach dem Fremden das man langsam kennt. Nach Holz und ein bisschen Schimmel und dem Fenster das man abends aufmacht weil man Luft braucht.

00:26:57: Diese Gerüche gehören inzwischen zur Woche.

00:27:00: Man hat sie nicht gesucht. Sie sind einfach da geworden.

00:27:04: Am Potsdamer Platz ist es windig. Immer.

00:27:08: Der Platz zieht die Luft aus allen Richtungen, bündelt sie, schickt sie los.

00:27:13: Man dreht den Kragen hoch. Kurz.

00:27:16: Dann ist man schon im Bus.

00:27:18: Draußen ist Berlin, Sonntag-Berlin, ruhiger als man denkt.

00:27:23: Man wartet auf den M einundvierzig.

00:27:26: Der Bus kommt, nicht voll.

00:27:28: Ein Platz am Fenster, der Bus biegt ab, Kreuzberg, Schöneberg, Neukölln.

00:27:34: Fassaden die aus Jahrzehnten bestehen.

00:27:37: Gründerzeit und Nachkrieg und irgendetwas dazwischen, übereinander gewachsen, Schicht auf Schicht, wie ein Ort der sich nie ganz entschieden hat was er sein will.

00:27:48: Zugekleisterte Schaufenster die mal etwas waren.

00:27:51: Ein Blumenladen, dunkel jetzt, mit Eimern draußen unter einer Plane.

00:27:56: Ein Späti dessen Licht noch brennt, ein Mann darin auf einem Hocker, das Gesicht im Blau eines Bildschirms.

00:28:04: Ein Dönerladen, der Spieß dreht sich für niemanden.

00:28:07: Ein Paar das läuft, dicht zusammen, der eine mit dem anderen, ohne Eile.

00:28:13: Die Fenster über den Läden sind warm, gelb, hier und da ein Fernseher der flackert, hier und da nur eine Lampe. Hinter jedem dieser Fenster

00:28:23: ein Sonntagabend, der schon fast Montag ist. Hermannplatz. Der Karstadt liegt da wie immer,

00:28:30: groß und unentschlossen.

00:28:32: Man steigt aus.

00:28:34: Die Luft draußen ist anders als vorne im Norden. Wärmer, gebrauchter, ein Geruch nach Asphalt der den Tag über Sonne hatte, nach Frittiertem, nach der U-Bahn die irgendwo unter dem Platz atmet.

00:28:48: Es ist nicht schön. Aber es ist vertraut geworden, in diesem halben Jahr, und Vertrautes hat seine eigene Art von Wärme, auch wenn es nach Stadt riecht. Die Urbanstraße. Fünfhundert Meter.

00:29:03: Man kennt sie inzwischen wie man Strecken kennt die man jeden Tag geht, nicht als Landschaft, sondern als Rhythmus.

00:29:10: Die Ziegelwände. Die Hofeinfahrten.

00:29:13: Der Bäcker der montags früh öffnet und dessen Licht manchmal schon brennt wenn man am Dienstag früh rausgeht.

00:29:21: Das Zimmer ist klein. Untermiete, ein Bett, ein Schreibtisch, ein Regal das mit dem Zimmer kommt,

00:29:28: ein Fenster das auf einen Hof geht.

00:29:31: Man stellt die Tasche ab.

00:29:33: Die Jacke wandert an den Haken neben der Tür, der wackelt und trotzdem hält.

00:29:39: Die Stadt ist still. Nicht weil nichts da ist.

00:29:42: Berlin ist nie wirklich leer. Aber dieser Sonntagabend hat eine Stille die ihm gehört.

00:29:49: Die Stille von Menschen die noch einen Abend für sich haben bevor die Woche beginnt. Die Stille von etwas, was gerade pausiert und es weiß.

00:30:00: Von unten, aus dem Hof, ein Fahrrad das jemand abstellt, das Klicken einer Kette, dann eine Tür. Irgendwo Wasser in einer Leitung. Weiter weg, gedämpft,

00:30:11: die Stadt, die nie ganz aufhört, aber heute Abend so tut als könnte sie es. Und dazwischen dieses Zimmer, warm jetzt, mit der Lampe an,

00:30:22: still, aber nicht leer.

00:30:25: Man setzt sich nicht sofort.

00:30:27: Man steht noch einen Moment am Fenster.

00:30:30: Der Hof draußen ist klein und dunkel. Eine Birke steht darin.

00:30:35: Kein Blatt jetzt.

00:30:36: Nur die weißen Äste die ins Schwarz stehen, ruhig, ohne Bewegung, als hätten sie die Nacht schon lang.

00:30:44: Man schaut auf sie. Nicht lange. Nur kurz.

00:30:49: Und es ist ein guter Moment, dieser kurze am Fenster, angekommen und noch bei sich.

00:30:56: Es ist eine Birke die nicht weiß dass jemand schaut.

00:30:59: Sie steht einfach.

00:31:01: So wie der Wall stand. So wie die Schlei liegt. So wie der Rücksitz trägt.

00:31:08: Orte und Dinge die nicht wissen dass sie etwas bedeuten.

00:31:12: Und vielleicht ist das genau der Grund warum sie es tun.

00:31:18: Man hat das nie als besonders empfunden. Damals nicht.

00:31:22: Im Januar nicht, im Februar, im März.

00:31:25: Es war einfach der Weg.

00:31:27: So wie der Zug auch ein Weg gewesen wäre, das Flugzeug, der eigene Wagen allein.

00:31:34: Aber der Rücksitz war etwas anderes.

00:31:37: Nicht weil er bequemer war. Er war nicht besonders bequem.

00:31:41: Der Skoda hatte Rücklehnen die nach vorne geneigt waren, ein bisschen zu sehr. Aber er war fremdes Vertrauen.

00:31:49: Man saß in einem fremden Auto, auf einer fremden Strecke, und hat einfach mitgemacht.

00:31:56: Das macht etwas mit einem. Man weiß nicht genau

00:31:59: was.

00:32:01: Vielleicht ist das der stille Ort.

00:32:04: Nicht die Autobahn. Nicht das Hörbuch. Nicht Wittenburg mit seiner Pizza und seiner Skihalle die aussieht als hätte sie sich verirrt.

00:32:13: Sondern diese Haltung.

00:32:15: Passagier sein.

00:32:17: Nicht Fahrer, nicht Ziel.

00:32:19: Einfach mitfahren.

00:32:21: Einfach dabei sein.

00:32:23: Man sitzt und wartet nicht, man ist einfach dabei.

00:32:27: Vergessen lässt sich das leicht. Im Büro geht es verloren, zuhause manchmal auch.

00:32:34: Aber auf dem Rücksitz, auf der A vierundzwanzig, irgendwo zwischen zwei Kiefernwäldern und einem See den man kurz gesehen hat und der schon weg war, da weiß man es wieder.

00:32:48: Es war nicht immer dieser Januar.

00:32:50: Der erste Sonntag lag noch tief im Winter, die Felder weiß, der schwarze See an den Rändern halb gefroren, die Kiefern schwer von Schnee der nicht fiel sondern lag.

00:33:03: Damals war es schon dunkel wenn der Skoda losfuhr,

00:33:06: dunkel die ganze Strecke, dunkel bei der Ankunft. Die Scheinwerfer und die Rücklichter und dazwischen nichts.

00:33:15: Dann wurde es März.

00:33:17: Die Felder tauten von den Rändern her, braun und nass, mit Wasser in den Furchen das den Himmel spiegelte.

00:33:25: Die Knicks bekamen einen ersten grünen Anflug, kaum zu sehen, eher zu ahnen.

00:33:32: Und der Himmel hielt am Abend das Licht ein bisschen länger, jeden Sonntag ein paar Minuten mehr, so leise dass man es erst bemerkte als es schon da war.

00:33:43: Im Mai fuhr der Skoda durch Helligkeit. Um sechs, um sieben noch Tag,

00:33:49: die Kiefern grün bis in die Spitzen, die Skihalle fast lächerlich in der Sonne, ein Berg aus Blech in einem Land das flach ist.

00:33:58: Der schwarze See war jetzt nicht mehr schwarz sondern hatte eine Farbe, ein tiefes Grün, mit Licht darauf, mit einem Boot vielleicht, mit jemandem am Ufer. Und die Felder standen voll, Raps

00:34:12: zuerst, dieses Gelb das zu grell ist um wahr zu sein, dann Getreide, noch niedrig, noch weich.

00:34:20: Zwanzig Sonntage, und die Welt hatte sich einmal ganz gedreht dabei. Kaum zu merken, weil es jede Woche nur ein kleines Stück weiter war. Aber am Ende war Sommer, wo am Anfang Schnee gelegen hatte. Und dieselbe Strecke war nicht mehr dieselbe.

00:34:40: In einem halben Jahr, Januar bis Juni, ist man diesen Weg vielleicht zwanzig Mal gefahren.

00:34:46: Zwanzig Sonntage auf diesem Rücksitz. Zwanzig Mal

00:34:49: Google, navigiere mich nach Berlin. Zwanzig Mal das kalte Licht der Fabrik in Wittenburg. Zwanzig Mal die Skihalle. Zwanzig Mal dieses Dunkel. Und zwanzig Mal die Lichter die kommen.

00:35:04: Man hat nie ein Foto davon gemacht. Keine Notiz.

00:35:08: Nichts aufgeschrieben.

00:35:09: Es war einfach da, jeden Sonntag, so verlässlich wie der Fahrer und seine gleichmäßige Geschwindigkeit.

00:35:16: Und jetzt ist es vorbei, der Umzug ist gemacht,

00:35:19: die Familie ist nachgekommen,

00:35:21: das Pendeln gehört zu den Dingen die man getan hat. Aber irgendwo sitzt man noch.

00:35:27: Irgendwo läuft noch das Hörbuch. Irgendwo

00:35:30: zwischen Wittenburg und Berlin ist es noch Sonntag. Und wenn ich ehrlich bin, sitze ich da manchmal noch.

00:35:37: Das Zimmer in der Urbanstraße ist inzwischen nicht mehr fremd.

00:35:42: Man hat ein Buch ins Regal gestellt. Zwei. Ein Foto auf dem Schreibtisch, nicht groß, nicht gerahmt, einfach angelehnt.

00:35:50: Das genügt um irgendwo zuhause zu sein. Das hat man gelernt.

00:35:55: Zuhause ist nicht das Haus, sondern das was man mitbringt. Ein Foto. Ein Buch. Das Hörbuch das pausiert und wartet. Und die Gewissheit dass Freitag kommt.

00:36:07: Und vielleicht ist das die eigentliche Sache, die man sich vom Rücksitz mitnimmt. Nicht die Pizza-Fabrik, nicht die Skihalle, nicht der schwarze See.

00:36:17: Sondern dass man einen Ort in sich tragen kann, auch wenn man gerade woanders steht. Dass man mitfahren kann, ohne die Richtung halten zu müssen, und trotzdem ankommt. Dass es Momente gibt, mitten in einer langen Woche, in einer S-Bahn, an einer Bushaltestelle, an einem Fenster mit Blick auf eine Birke, die einem gehören. Nicht weil man sie erreicht hat. Sondern weil man kurz aufmerksam war.

00:36:43: Der Hof draußen bleibt still. Die Birke steht.

00:36:46: Man tritt vom Fenster zurück, macht das Licht an, holt das Buch aus der Tasche.

00:36:51: Morgen fängt die Woche an. Aber jetzt ist noch dieser Abend, dieses kleine Zimmer, diese Stadt die atmet. Und irgendwo, weit im Norden, ein Haus in dem ein Licht brennt.

00:37:04: Es kommt immer Freitag. Das weiß man. Und bis dahin fährt der Sonntag weiter, in einem grauen Skoda, auf einer Straße die man kennt, mit einer Stimme im Ohr die geduldig wartet, bis man wieder zuhört.

00:37:19: Danke fürs Zuhören.

00:37:20: Wer mag, folgt Stille Orte.

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