Die Schlei — Hörgeschichte für Erwachsene zum Entspannen

Shownotes

Man kennt sie, so lange man denken kann. Sie war immer da — dieses Wasser, das einem gehört. Die Schlei bei Schleswig, fünfzig Kilometer Fjord vom Dom bis zur Ostsee. Das Tretboot als Kind, die Pedale, die sich drehen, das Graubraun, das tiefer ist als man denkt. Eine Nacht mit dem Onkel auf dem Boot: die Angeln im Wasser, die Stellen, die nur er kannte, die Stille, wenn der Motor aus ist. Dann der Morgen, als die Vögel anfingen. Das Luisenbad im Sommer, in das man heute die eigenen Kinder bringt. Haithabu am anderen Ufer, tausend Jahre alt. Und am Ende ein Sommerabend auf einer Bank am Wasser — nach einer Staffel, die weit weg geführt hat. Eine ruhige Geschichte über Heimat, über einen Menschen, der fehlt, und über das eine Wasser, zu dem man immer zurückkommt.

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00:00:02: Die Schlei Man kennt

00:00:06: sie, so lange man denken kann.

00:00:12: Sie war immer da, dieses Wasser, das zu Schleswig gehört, zu dieser Gegend, zu einem selbst.

00:00:17: Nie hat man sie kennengelernt, man hat sie einfach immer gekannt, so wie den eigenen Namen oder den Weg nach Hause.

00:00:24: Sie war da, bevor man die ersten Wörter hatte, bevor man wusste, dass Wasser einen Namen trägt.

00:00:31: Sie lag einfach da, silbern an manchen Tagen, an anderen grau wie ein alter Zinnteller, und sie fragte nach nichts.

00:00:38: Man wächst mit einem solchen Wasser auf, ohne es je zu bemerken, so wie mit dem Klang der eigenen Sprache oder mit dem Geruch des Elternhauses, den man erst vermisst, wenn man weit weg ist.

00:00:51: Und da ist der Dom.

00:00:53: Von der Schlei aus sieht man ihn, wie er über der Stadt steht, wie er sie überragt.

00:00:58: Am Abend leuchtet er manchmal. Dann schaut man von der Schlei auf den Dom, und der Dom schaut zur Schlei, so wie man selbst zur Schlei schaut.

00:01:08: Beides geht. Beides kennt man.

00:01:10: Der Turm hebt sich dunkel gegen den Himmel ab, ein festes, ruhiges Zeichen über den Dächern, und wenn das letzte Licht des Tages ihn trifft, bekommt der alte Backstein einen warmen Ton, ein tiefes Rot, das nur für Minuten bleibt.

00:01:25: Hundertmal gesehen, und trotzdem schaut man hin, jedes Mal.

00:01:29: Die Schlei nimmt dieses Rot auf, spiegelt es, trägt es weiter, verwischt es zu einem langen, zitternden Streifen, der sich mit jeder kleinen Welle bewegt.

00:01:41: Schleswig.

00:01:41: Diese Stadt. Diese Schlei. Diese Geschichte. Dieses Wasser.

00:01:47: Am Abend sitzt man am Ufer und schaut hinüber. Auf das Wasser, auf den Dom, auf diese Stadt, die man immer kannte.

00:01:55: Und während man so sitzt, weiß man: das hier ist der Abschluss.

00:01:59: Das Ende dieser Staffel. Zurück an der Schlei, wo alles begann und wo es nun endet.

00:02:05: Die Luft ist mild, sie riecht nach Wasser, nach Schilf, nach dem feuchten Holz der Stege, ein Geruch, der zu keiner anderen Stelle der Welt gehört als zu dieser.

00:02:16: Ein leichter Wind kommt vom Wasser her, streicht über das Gras, legt sich, kommt wieder.

00:02:22: Man rückt nicht weg, bleibt sitzen, lässt den Abend über sich hinweggehen, so wie das Wasser über den Grund geht,

00:02:29: ohne Eile, ohne Ziel.

00:02:32: Man schaut von der Schlei auf den Dom, und vom Dom zurück auf die Schlei. Die Stadt, das Wasser, das Schloss, all das ist derselbe Ort.

00:02:41: Hier ist man aufgewachsen, kennt diesen Ort, wie man nur wenige Dinge im Leben wirklich kennt. Nicht mit dem Kopf, nicht als Wissen, das man abrufen könnte, sondern tiefer, im Körper, in den Augen, in den Händen.

00:02:56: Man weiß, wie das Ufer sich anfühlt unter den Füßen, wo der Boden nachgibt und wo er trägt.

00:03:02: Wo das Schilf steht und wo es sich lichtet, wo man das Wasser berühren kann und wo es zu tief wird.

00:03:09: Das ist kein Wissen, das man lernt. Das ist ein Wissen, das man ist.

00:03:14: Man kennt die Schlei in allen Jahreszeiten.

00:03:17: Im Winter liegt sie manchmal fast zugefroren da, ein dünnes Eis, das man nicht betritt, auf das man nur schaut.

00:03:24: Und dann diese Stille, die eine zugefrorene Schlei hat.

00:03:29: Das Eis macht das Wasser stumm, es nimmt die Geräusche weg, und was bleibt, ist ein Schweigen, das man sonst nirgends hört.

00:03:36: Das Eis liegt nicht glatt, es hat Falten und Risse, milchige Flächen und dunklere Streifen, wo das Wasser dünner gefroren ist.

00:03:45: Am Rand, wo das Schilf steht, wird es dick und weiß, während in der Mitte manchmal ein offener Streifen bleibt, schwarz und still, aus dem der Frost aufsteigt.

00:03:56: Die Kälte hat einen eigenen Geruch an einem solchen Tag, klar und scharf, fast metallisch, und der Atem steht als Wolke vor dem Gesicht.

00:04:05: Ein einzelner Vogel läuft über das Eis, seine Krallen machen ein feines Kratzen, das weit zu hören ist, weil sonst nichts zu hören ist.

00:04:14: So still ist es.

00:04:17: Im Frühling kommen die Heringe. Sie ziehen herein, und in Kappeln stehen die Angler am Wasser, und der Heringszaun fängt, was er seit Jahrhunderten fängt.

00:04:26: Das Licht wird länger, bekommt einen grünen Ton, das Schilf treibt neu aus, hellgrün

00:04:32: zwischen den alten braunen Halmen des Vorjahres, und über dem Wasser liegt am Morgen eine Frische, die nach Erwachen schmeckt.

00:04:39: Im Sommer öffnet das Luisenbad, dann sind die Kinder im Wasser, die Boote draußen, und die Schlei lädt ein, wie sie jeden Sommer einlädt.

00:04:48: Die Tage werden lang, das Wasser wird warm an der Oberfläche, und der Abend will nicht enden, das Licht hält sich bis in die späte Stunde und legt sich golden über alles.

00:04:59: Im Herbst wird alles ruhiger, das Licht steht anders, die Vögel ziehen über das Wasser fort. Das Schilf färbt sich, wird gelb, wird braun, raschelt trockener im Wind, und über der Schlei liegt am Morgen oft der Nebel, dick und weich, sodass das andere Ufer verschwindet und man allein zu sein scheint mit dem Wasser.

00:05:20: Immer dieselbe Schlei. Immer dieses Wasser, das sich verändert und doch dasselbe bleibt.

00:05:27: Aber man denkt lieber an den Sommer. An das Abendlicht, an die Möwen, an das Boot. Vor allem an das Tretboot.

00:05:35: Fünfzig Kilometer lang zieht sich dieser Fjord hin, von Schleswig bis zur Mündung, bis Kappeln, bis Maasholm, hinaus ins Meer, in die Ostsee, in das Wasser, das größer ist als alles.

00:05:48: Daran ist man aufgewachsen, und immer hat man es gewusst: die Schlei ist da.

00:05:53: Sie ist nie weg.

00:05:54: Sie kennt einen.

00:05:56: Sie windet sich, macht Bögen und Buchten, wird enger und wieder weiter,

00:06:00: sie hat Stellen, wo man kaum ans andere Ufer sieht, und Stellen, wo man hinüberrufen könnte.

00:06:06: Sie ist kein gerades Wasser, kein Fluss, der irgendwohin eilt.

00:06:11: Sie nimmt sich Zeit,

00:06:12: sie legt sich in die Landschaft hinein, als hätte sie sich das Land nach ihren eigenen Vorstellungen zurechtgelegt, vor langer Zeit, und als bliebe sie nun dabei.

00:06:23: Als Kind ist die Schlei groß.

00:06:25: Als Kind ist alles groß, gewiss, aber die Schlei ist wirklich groß, dieses Wasser, das sich hinzieht und kein Ende hat, das der Blick nicht fassen kann.

00:06:35: Man steht am Ufer, klein, und schaut hinaus, und das Wasser reicht bis dahin, wo der Blick nicht mehr hinkommt.

00:06:43: Es gibt keinen Rand, den man erreichen könnte. Nur Wasser, immer weiter, und der Himmel darüber, der auch kein Ende hat, und dazwischen ein dünner Strich Land, der das andere Ufer sein muss und doch so weit weg ist, dass man ihn kaum glauben mag.

00:07:00: Und dann das Tretboot.

00:07:02: Man sitzt darin, neben einem vielleicht jemand, vielleicht allein, und man tritt. Die Pedale gehen rund, das Boot bewegt sich, kaum erst, dann mehr.

00:07:13: Das ist die ganze Aufgabe.

00:07:14: Treten, schauen, treten. Nicht mehr. Und das ist genug.

00:07:19: Das ist die Schlei als Kind.

00:07:22: Die Pedale sind schwergängig am Anfang, man muss sich hineinlegen, mit dem ganzen kleinen Körper, und dann löst sich etwas, das Boot beginnt zu gleiten, und man spürt, wie das Wasser einen trägt.

00:07:35: Unter den Füßen dreht sich das Rad, leise hört man es unter dem Rumpf arbeiten, und vorne teilt sich das Wasser und läuft in zwei feinen Linien zur Seite fort.

00:07:46: Man tritt und schaut auf dieses Schleiwasser, dieses Graubraun, das tiefer ist, als man denkt.

00:07:53: Von oben schaut man hinein und sieht am Ufer noch den Grund, die grünen Algen, die kleinen Steine.

00:08:00: Dann nicht mehr.

00:08:01: Dann ist das Wasser zu tief, dann ist es dunkel darunter, und man tritt

00:08:05: weiter.

00:08:06: Am Ufer ist das Wasser fast durchsichtig über dem hellen Sand, die Bewegung der Algen ist zu sehen, wie kleine Fische zwischen ihnen stehen und plötzlich verschwinden.

00:08:17: Dann wird der Grund tiefer, das Grün dunkler, das Braun satter,

00:08:21: und irgendwann ist da nur noch diese undurchdringliche Tiefe, aus der sich nichts mehr herauslesen lässt.

00:08:28: Man beugt sich vor, hält die Hand ins Wasser, spürt die Kühle, zieht sie wieder heraus, und die Tropfen fallen zurück und machen kleine Ringe, die sich weiten und verlaufen.

00:08:41: Die Schlei ist kein wildes Wasser. Sie ist ruhig, meistens,

00:08:45: und diese Ruhe gehört ihr, das ist ihr Charakter, ihr Sich-Zeit-Nehmen.

00:08:51: Das Tretboot passt dazu.

00:08:53: Ein Gefährt, das nicht gesteuert, sondern getreten wird, das langsam geht, und das man als Kind gerade darum liebt, weil man es selbst antreibt, weil man die Kontrolle hat.

00:09:04: Es gibt keine Eile in diesem Wasser, keine Strömung, die einen drängt, keinen Sog, der zieht.

00:09:10: Man geht so schnell, wie man tritt, und hält man inne, bleibt das Boot einfach stehen, wiegt sich leise, und man treibt kaum merklich mit dem Wind.

00:09:20: Das ist eine gute Art, sich fortzubewegen, eine ehrliche Art.

00:09:24: Man bekommt genau so viel, wie man gibt.

00:09:28: Beim Lenken dreht das Boot, macht eine Kurve, fährt zurück,

00:09:32: ein Lachen, noch eine Kurve.

00:09:34: Das ist das Tretboot, und man macht es immer wieder.

00:09:38: Irgendwann aber muss man zurück, die Zeit ist um,

00:09:41: man gibt das Boot ab und geht. Und man schaut noch einmal auf die Schlei, auf dieses Wasser, auf diesen Abend.

00:09:49: Man ist klein, das Boot ist groß, die Schlei ist noch größer.

00:09:54: Man tritt. Und dann der Onkel.

00:09:56: Man denkt an ihn, an einen bestimmten Abend, an eine bestimmte Nacht, an den Morgen danach.

00:10:03: Man war jung, und der Onkel war dabei.

00:10:06: Er kannte die Schlei, er kannte Boote, er kannte das Wasser.

00:10:10: Man fuhr hinaus, am Abend, als die Sonne tiefer wurde, als das Licht wärmer wurde, als die Schlei golden wurde. Dieses Abendlicht auf dem Wasser, das nicht lange bleibt,

00:10:21: das man nur sieht, wenn man draußen ist, früh genug, auf dem Wasser.

00:10:26: Es beginnt weit oben, in den Wolken, die sich färben, und dann fällt es herab und legt sich flach über die Schlei, sodass jede kleine Welle einen leuchtenden Rücken bekommt und ein dunkles Tal, ein Muster aus Gold und Schatten, das sich ununterbrochen bewegt und doch stillzustehen scheint.

00:10:44: Von einem solchen Wasser kann man nicht wegschauen.

00:10:48: Man will es behalten und weiß zugleich, dass es nicht zu behalten ist,

00:10:52: und vielleicht ist es gerade darum so schön.

00:10:56: Man war nicht oft auf einem Boot gewesen, davor.

00:10:59: Der Onkel hatte eines, oder es war geliehen, das weiß man nicht mehr genau.

00:11:04: Aber wie es roch, das weiß man noch: nach Holz, nach Motoröl, nach Wasser.

00:11:09: Diese Mischung, die zu Booten gehört, die man ein Leben lang nicht vergisst.

00:11:14: Dazu der Geruch des Wassers selbst, dieser leicht faulige, erdige Geruch der Schlei, der nach Schilf und Grund und Algen schmeckt,

00:11:23: und über allem ein Hauch von Salz, ganz fein,

00:11:26: von weit her, von der Ostsee, die am anderen Ende wartet.

00:11:31: Man atmet es ein, ohne es zu bemerken, und Jahre später genügt ein einziger Zug dieser Luft, und man ist wieder dort, sofort, auf dem Boot, am Abend, mit dem

00:11:41: Onkel.

00:11:43: Man saß und schaute auf das Wasser, jetzt von unten, jetzt von nah, diese Nähe, die man nur auf einem Boot hat.

00:11:51: Man spürte das Wasser, das leichte, ständige Schaukeln.

00:11:55: Der Onkel steuerte, man fuhr hinaus, weg vom Ufer, weg von der Stadt, hinaus auf die Schlei, die sich öffnete und weiter wurde.

00:12:04: Die Lichter der Stadt blieben zurück, wurden kleiner, sammelten sich zu einem schmalen Band am Ufer, und vor einem lag nur noch das Wasser,

00:12:12: das dunkler wurde, weiter, tiefer.

00:12:15: Der Motor tuckerte gleichmäßig, ein warmes, rundes Geräusch, und dahinter zog sich das Kielwasser als heller Streifen davon, der sich langsam wieder schloss.

00:12:26: Das Boot und die Schlei, die Nacht und das Wasser, der Onkel und man selbst.

00:12:31: Das ist diese Erinnerung, diese eine Nacht, die vollständig ist, die man nicht ergänzen muss.

00:12:38: Man hat nicht viele solcher Erinnerungen, so vollständige, die eine ganze Nacht füllen, die so präzise sind,

00:12:45: so da.

00:12:46: Diese ist es. Diese Nacht auf der Schlei, mit dem Onkel.

00:12:51: Er kannte die Stellen. Die Mündungen, die Buchten, die Stellen, wo der Fisch steht und die man selbst nie findet, wenn man nicht oft genug draußen war.

00:13:00: Er fuhr zu einer solchen Stelle und stellte den Motor ab.

00:13:04: Und da war sie, diese Stille, wenn der Motor aus ist, wenn nur noch das Wasser bleibt und der Wind manchmal und die Möwen in der Ferne.

00:13:13: Als das Tuckern verstummte, war der Unterschied so groß, dass man ihn fast hören konnte, dieses plötzliche Fehlen des Geräuschs,

00:13:20: und dann füllte sich die Stille langsam mit den leisen Dingen, die vorher untergegangen waren.

00:13:26: Das Wasser klopfte gegen den Rumpf, ganz sacht, ein unregelmäßiges Klopfen.

00:13:31: Irgendwo weit weg rief ein Vogel.

00:13:34: Der Wind strich über das Wasser und legte sich wieder. Sonst nichts.

00:13:40: Man warf die Angel aus, das Wasser nahm sie, und man wartete.

00:13:44: Aal, Barsch, Hecht, die Schlei ist reich. Sie hat viel, sie gibt viel.

00:13:50: Der Onkel wusste das,

00:13:52: er kannte die Fische, er kannte die Stellen, und man lernte von ihm.

00:13:56: Nicht durch Erklärungen, nicht mit Worten.

00:13:59: Man schaute, man saß, man lernte. Diese Art von Lernen, ohne Schule, ohne Plan, einfach dabei sein.

00:14:07: Man sah, wie er die Schnur hielt, wie er wartete, wie er das Wasser las, ohne dass sich hätte sagen lassen, was genau er da las.

00:14:15: Man ahmte es nach, so gut es ging, hielt die eigene Schnur, versuchte zu spüren, was er spürte, und manchmal glaubte man, es zu ahnen, ein feines Zupfen weit unten, ein Leben im Dunkeln. Manchmal biss ein Fisch, man zog, der Fisch war da,

00:14:32: man hielt ihn, legte ihn zurück oder behielt ihn.

00:14:36: Aber das Angeln ist nicht das Fangen, nicht nur das Fangen. Das Angeln ist das Sitzen, das Warten, das Schauen, das Auf-dem-Wasser-Sein.

00:14:44: Die Angeln gingen ins Wasser, und man wartete.

00:14:47: Man schaute auf die Schlei, auf den Himmel, auf den Onkel, beobachtete, nahm auf, ohne es zu merken.

00:14:55: Der Abend wurde Nacht. Das Licht verschwand, die Schlei wurde dunkler,

00:14:59: das Wasser wurde schwarz, fast schwarz,

00:15:02: dieses Nachtschwarz des Wassers, das man tagsüber nicht kennt.

00:15:06: Man blieb, der Onkel blieb, man fuhr weiter, zu anderen Stellen, anderen Mündungen, die Schlei entlang, in der Nacht.

00:15:13: Das Schwarz des Wassers war tiefer als jedes andere Schwarz,

00:15:17: es warf keine Reflexe zurück, es schluckte den Blick, und wer hineinschaute, sah nichts, nur diese vollkommene Dunkelheit, die keinen Grund und kein Ende hatte. Über einem der Himmel, kaum heller, und dazwischen die Ufer, die zu Schatten geworden waren, zu dunkleren Rändern der Dunkelheit.

00:15:36: Die Nacht auf der Schlei, das ist eine eigene Welt.

00:15:39: Man kennt sie tagsüber, man kennt sie am Abend,

00:15:42: aber bei richtiger Nacht, wenn alles dunkel ist, ist sie etwas ganz anderes. Die Ufer verschwinden.

00:15:47: Es bleibt diese Stille auf dem Wasser, die anders ist als jede Stille an Land, die Stille eines Gewässers, das schläft und doch nicht schläft, das einfach ist.

00:15:57: An Land ist Stille immer eine Stille zwischen Dingen, zwischen Häusern, zwischen Bäumen,

00:16:02: sie hat Ränder. Auf dem Wasser hat sie keine Ränder. Sie breitet sich aus in alle Richtungen, gleichmäßig, und man sitzt mitten darin, ein kleiner Punkt in einer großen, dunklen Ruhe,

00:16:13: und für eine Weile ist man nichts anderes als das, ein Sitzender, ein Wartender, ein Teil der Nacht.

00:16:20: Man hielt die Schnur und spürte das Wasser, die Strömung manchmal, kaum, denn die Schlei hat keine starke Strömung. Aber spürbar war sie, diese leichte Bewegung, dieses Leben unter dem Boot. Und man wartete, denn das ist das Nachtangeln:

00:16:35: das Warten, das Sitzen, das Fast-Schlafen und Doch-wach-Bleiben, wieder fast schlafen, wieder wach.

00:16:42: Die Schlei war noch da. Der Onkel schlief nicht.

00:16:45: Er schaute, er wusste, wann, er hatte das Gefühl für den Fisch.

00:16:49: Man selbst hatte es noch nicht, man lernte es.

00:16:52: Man fuhr zu den Mündungen, suchte die nächste Stelle. Der Motor kurz wieder an, das Geräusch, dann wieder aus.

00:16:59: Neue Stelle, neue Stille.

00:17:01: Mündungen sind besondere Orte, dort, wo ein Wasser in ein anderes übergeht, wo der Fisch steht.

00:17:07: Der Onkel wusste das, man lernte es.

00:17:10: Man fuhr von einer Dunkelheit in die andere, und jede Stelle war ein wenig anders, hatte ihre eigene Tiefe, ihr eigenes Ufer, das man mehr ahnte als sah,

00:17:19: und wenn der Motor verstummte, senkte sich jedes Mal aufs Neue diese vollkommene Ruhe herab, und das Wasser klopfte wieder an den Rumpf.

00:17:27: Das Wasser blieb.

00:17:28: Das Wasser war alles, war die ganze Welt.

00:17:31: Man war auf dem Wasser, nur auf dem Wasser, und die Nacht lag rund herum.

00:17:35: Manchmal die Sterne, wenn die Wolken fort waren, diese Sterne über der Schlei, die sich im Wasser spiegelten. Oben Sterne, unten Sterne, und man selbst dazwischen.

00:17:45: Es waren viele, weit mehr als je in der Stadt zu sehen, ein ganzer Himmel voller Sterne,

00:17:50: und die Schlei, wenn sie ganz ruhig lag, nahm sie auf und gab sie zurück, verwischt und zitternd bei jeder kleinen Bewegung des Wassers.

00:17:59: Der Blick ging nach oben und nach unten und wusste kaum noch, was Himmel war und was Wasser,

00:18:04: und man selbst schwamm dazwischen in seinem kleinen Boot, getragen von einer Dunkelheit, die überall gleich war.

00:18:12: Man schlief vielleicht kurz, im Boot, diesen Schlaf auf dem Wasser, mit dem Schaukeln und dem leisen Klopfen des Wassers am Rumpf, diesem Geräusch, das einen einschläfert.

00:18:23: Dann wieder wach. Die Nacht noch da, der Onkel noch da, die Schlei noch da. Alles noch da.

00:18:31: Und dann der Morgen. Die Nacht durchgemacht, nicht geschlafen oder nur wenig, nur diesen Schlaf auf dem Wasser mit dem leisen Klopfen am Rumpf, das man nie vergisst.

00:18:42: Der Morgen kam langsam. Die Schlei wurde wieder heller, das Schwarz wich, das Grau kam,

00:18:48: dann das erste Blau, dann das Licht.

00:18:51: Es geschah so allmählich, dass der Anfang nicht zu bemerken war,

00:18:55: und plötzlich sah man wieder das andere Ufer, als dünner Strich zuerst, dann als Linie aus Schilf und Bäumen,

00:19:03: und über dem Wasser lag der Nebel, weiß und weich, der sich in Fetzen bewegte und langsam hob.

00:19:10: Das Wasser bekam wieder eine Farbe, ein blasses, mattes Grau, das dann heller wurde, silbriger, bis das erste Blau darin lag.

00:19:20: Dieses Morgenlicht auf dem Wasser ist ein anderes Licht.

00:19:24: Es ist das Licht, das nach einer Nacht kommt,

00:19:26: nach dieser Nacht, und das man selten sieht, weil man sonst schläft, weil man drinnen ist.

00:19:32: Aber jetzt war man draußen, auf dem Wasser, jetzt hatte man die Nacht durchgehalten, jetzt sah man es.

00:19:38: Es war kein warmes Licht wie am Abend, sondern ein klares, kühles, ein Licht, das alles neu machte, jede Kontur schärfte, jeden Tropfen auf der Bordwand zum Glänzen brachte.

00:19:52: Die Luft war kühl und feucht, sie roch nach Morgen, nach Wasser, nach dem Tag, der kommen würde,

00:19:58: und man spürte die Kälte der Nacht noch in den Gliedern und zugleich schon die erste Wärme, die von der Sonne kam.

00:20:06: Die Vögel fingen an, einer, dann noch einer, dann mehr, und die Schlei wurde lebendig.

00:20:12: Der Morgen gehörte

00:20:14: ihr. Müde war man, sehr müde, aber man schaute. Auf diesen Morgen, auf dieses Wasser, auf diese Schlei, die man nun neu sah, in diesem Licht.

00:20:25: Und der Onkel schaute auch.

00:20:27: Er sagte nicht viel. Er schaute.

00:20:29: Das hat immer

00:20:30: gereicht.

00:20:31: Die Vögel riefen über das Wasser, und ihre Rufe hallten in der Weite, kamen von überall, von den Ufern, aus dem Schilf, von hoch oben, wo schon die ersten über die Schlei zogen.

00:20:44: Die Möwen kamen mit dem Licht, kreisten über dem Boot, ließen sich aufs Wasser nieder und stiegen wieder auf,

00:20:50: und die Schlei, die eben noch schwarz und still gewesen war, war nun voller Bewegung und Stimme.

00:20:57: Man fuhr zurück, der Motor wieder an, das Geräusch nach der langen Stille, hin zum Ufer, zur Stadt.

00:21:05: Der Morgen war schon da, die Stadt lebte bereits, die Leute liefen, der normale Tag hatte begonnen.

00:21:12: Man aber hatte die Nacht auf dem Wasser verbracht, sah anders aus, fühlte sich anders an. Müde

00:21:18: und wach zugleich, beides, diesen Zustand nach einer Nacht draußen, den man nur kennt, wenn man es selbst getan hat.

00:21:27: Der Onkel stieg aus, man stieg aus, und man stand auf dem Ufer und schaute zurück auf das Wasser, auf die Schlei, die nun im Morgenlicht lag. Und man dachte: das war gut.

00:21:39: Das war sehr gut. Das war richtig.

00:21:43: Oder eigentlich dachte man nichts, man war einfach da, müde und wach, an der Schlei, in diesem Morgen.

00:21:50: Zurück zur Schlei, die wieder die Schlei von Schleswig war, nicht mehr die Schlei der Nacht, der Fische, der Stille.

00:21:58: Man denkt manchmal an diese Nacht. Nicht alles ist geblieben, nicht jede Stunde, nicht jeder Fisch, nicht jedes Wort. Man erinnert sich an das Gefühl, an das Sitzen, an die Stille,

00:22:10: an das Wasser in der Nacht, an den Onkel, der steuerte.

00:22:14: Und das ist genug. Mehr als genug.

00:22:17: Diese Erinnerung, diese ganze Nacht, die immer bleibt.

00:22:22: Der Onkel ist gegangen. Diese Nacht auf der Schlei ist geblieben, und sie wird bleiben, solange man sich erinnert.

00:22:29: Manchmal steht man am Wasser und denkt an ihn. Nicht lange, aber man denkt an ihn. An das Boot, an die Mündungen, an die Sterne.

00:22:38: Er war kein Mann der großen Worte. Er war da.

00:22:42: Er steuerte, er kannte die Stellen, er wusste, wo man wartet.

00:22:47: Man saß nebeneinander, in der Nacht, auf der Schlei, und redete nicht viel, man musste nicht.

00:22:53: Das Wasser redete für einen, wie es das immer tut.

00:22:56: Das Wasser war genug, die Nacht war genug, der Onkel war genug, die Schlei war genug.

00:23:02: Manchmal sagte er doch etwas, über das Wasser, über den Fisch, über die Stelle, die er kannte.

00:23:09: Man hörte zu und verstand nicht immer, aber man hörte zu. Auch das ist Lernen.

00:23:15: Vielleicht das wichtigste: dabei sein, zuhören, nicht alles verstehen und trotzdem ganz dabei sein.

00:23:23: Das Wasser ist dasselbe. Die Schlei ist dieselbe. Nur er fehlt.

00:23:29: Und dann das Luisenbad, das zum Sommer gehört und zur Kindheit.

00:23:34: Man bringt die Kinder hin, an die Schlei, zum Baden, in dieses Freibad am Wasser.

00:23:39: Es liegt an der Schlei, das ist das Besondere,

00:23:41: kein Hallenbad, sondern natürliches Wasser, das Schleiwasser selbst.

00:23:46: Die Kinder kommen gern, sie kennen es, sie lieben es,

00:23:49: dieses Wasser, diese Freiheit. Man hört sie schon von Weitem, das Rufen und Lachen,

00:23:54: das Klatschen der Körper aufs Wasser, das Platschen und Spritzen, diese Geräusche eines Sommertags am Wasser, die man doch nur an diesem einen Ort so hört. Der Boden

00:24:03: ist warm unter den nackten Füßen, das Gras trocken und niedergetreten, und über allem liegt der Geruch von Wasser und Sonnencreme und Sommer.

00:24:13: Jetzt bringt man die eigenen Kinder.

00:24:15: Man steht am Rand und schaut. Die Kinder im Wasser, die Schlei, dieses Wasser, das man kennt, in dem man selbst vielleicht war, in dem die Kinder jetzt sind.

00:24:25: Manchmal ist die Frau dabei,

00:24:26: dann ist man zu zweit mit den Kindern am Luisenbad, an der Schlei. Ein Sommertag.

00:24:33: Das ist auch eine Geschichte, die eigene, die sich wiederholt, wie alle Geschichten sich wiederholen, von Generation zu Generation.

00:24:40: Man selbst als Kind an der Schlei, das Tretboot, das Wasser, die Schlei, die so groß war. Und jetzt die eigenen Kinder, die die Schlei kennen, das Luisenbad, das Wasser.

00:24:51: Zeigen muss man es ihnen gar nicht,

00:24:53: sie wissen es schon. Die Schlei ist da, man geht hin, mehr nicht.

00:24:58: Irgendwann werden auch sie zurückdenken, an die Schlei, an das Luisenbad, an die Oma, die sie brachte, an das Wasser.

00:25:06: Das ist der Kreislauf, und die Schlei trägt ihn, ohne es zu wissen, ohne Aufhebens.

00:25:11: Sie fließt.

00:25:13: Manchmal bringt die Oma sie, ohne einen selbst, ohne die Frau.

00:25:17: Nur die Oma und die Kinder, die Schlei, das Bad.

00:25:21: Die Kinder kennen die Oma, sie kennen das Luisenbad, sie kennen die Schlei.

00:25:26: Man erinnert sich, wie sie ins Wasser laufen, wie sie nicht mehr herauskommen wollen, wie man ruft, noch fünf Minuten, und wie sie noch zehn brauchen.

00:25:35: Das Wasser der Schlei im Sommer ist nicht kalt und nicht warm,

00:25:38: es hat diese Temperatur, die man kennt, die man aushält, die man genießt.

00:25:43: Die Kinder kennen den Unterschied nicht, die Kinder kennen nur: das Wasser ist schön.

00:25:48: Kinder und Wasser, das ist ein besonderes Verhältnis, die kommen zusammen, immer, wie eine natürliche Anziehung.

00:25:55: An der Oberfläche ist es warm, von der Sonne aufgeheizt, und tiefer getaucht spürt man die Kühle darunter, diesen kühlen Grund, der sich um die Beine legt, und die Kinder tauchen und rufen und beschreiben es einander, das warme Oben und das kalte Unten, als wäre es jedes Mal eine neue Entdeckung.

00:26:13: Man bringt die Kinder ans Wasser, und sie laufen sofort hinein, sie zögern nicht,

00:26:18: sie sind einfach drin, bevor man mit dem Aufbauen fertig ist, bevor die Sonnencreme aufgetragen ist.

00:26:24: Einfach drin.

00:26:25: Man ruft, sie hören manchmal, meistens nicht, das Wasser ist lauter, das Wasser ist wichtiger, das Wasser ist jetzt, immer jetzt.

00:26:34: Man lässt es.

00:26:35: So soll es sein.

00:26:36: Man setzt sich an den Rand und schaut auf die Kinder, auf die Schlei, auf dieses Bild.

00:26:42: Auch das ist eine Erinnerung, die man trägt, die man immer tragen wird, die man nicht vergisst:

00:26:48: die Kinder im Wasser, die Schlei, dieser Sommer, diese Jahre.

00:26:52: Das stimmt, und mehr braucht es nicht.

00:26:55: Und wenn die Oma sie bringt, ohne die Eltern, dann ist das noch einmal etwas Eigenes.

00:27:00: Diese Ausflüge, diese Zeit, die die Oma mit den Kindern hat.

00:27:05: Diese Schlei, die sie teilen, ohne Eltern, nur sie.

00:27:09: Man selbst ist nicht dabei, aber man weiß, dass sie dort

00:27:11: sind.

00:27:12: Man weiß, dass die Schlei auf sie aufpasst, nicht wirklich, aber es fühlt sich so an.

00:27:17: Das vertraute Wasser, das sichere Wasser, das Wasser, das man kennt.

00:27:22: Das ist gut. Das ist richtig.

00:27:24: So soll es sein.

00:27:26: Die Oma und die Kinder an der Schlei, das ist eine weitere Schicht, eine von den vielen Schichten, die dieser Ort trägt, ohne es zu wissen.

00:27:34: Man kommt immer wieder, in jedem Abschnitt, in jeder Phase, und die Schlei bleibt.

00:27:39: Sie wartet nicht.

00:27:41: Sie ist einfach da, wie sie immer da war.

00:27:45: Denn die Schlei hat Geschichte, viel Geschichte.

00:27:48: Die Wikinger. Haithabu. Dieser Handelsplatz, der hier lag, der wichtigste in ganz Nordeuropa, an genau diesem Wasser.

00:27:56: Die Schiffe, die hier fuhren, die Handelswaren, die Menschen, die kamen, die blieben, die weiterzogen. Jahrhunderte. Jahrtausende.

00:28:05: Dieses Wasser hat alles gesehen, alles getragen. Man steht am Ufer, wo einst der Halbkreiswall lag, wo die Häuser standen, wo die Boote anlegten, und sieht heute nur Wiese und Wasser und Schilf,

00:28:18: und doch weiß man, dass hier

00:28:20: alles war, dass

00:28:21: hier ein Herz schlug, ein Knotenpunkt, an dem die Wege zusammenliefen, von Norden und Süden, von Osten und Westen.

00:28:29: Und das Wasser, das damals die Schiffe trug, ist dasselbe Wasser, das heute vor einem liegt, still und braun und ruhig, als wäre nie etwas gewesen und als wäre alles noch da.

00:28:41: Und man selbst fährt mit dem Tretboot darüber, fährt mit einem Boot hinaus, schwimmt im Luisenbad, sitzt am Abend am Ufer. Die Schlei trägt auch das. Ohne Aufhebens, ohne Kommentar.

00:28:54: Sie ist da, wie sie immer da

00:28:56: war.

00:28:57: Fünfzig Kilometer, von Schleswig bis zur Mündung, bis Kappeln, bis Maasholm, bis ins Meer, in die Ostsee, in das Wasser, das größer ist.

00:29:06: Man kennt ihn, diesen Fjord.

00:29:09: Von der Schlei in Schleswig bis zur Schlei in Kappeln ist es dasselbe Wasser, dieselbe Schlei, nur die Stelle ist eine andere.

00:29:17: In Kappeln hat man geangelt, am Kai, mit dem Paternoster, die Heringe, die kamen. Und auf der Schlei hat man geangelt, in der Nacht, mit dem Onkel, die Fische, die kamen oder nicht kamen.

00:29:29: Immer dasselbe Wasser, derselbe Fjord, derselbe Charakter, diese Ruhe, diese Tiefe.

00:29:36: Man hat ihn in seinen verschiedenen Abschnitten erlebt, in Schleswig, in Haithabu, in Kappeln, an den Ufern, auf dem Wasser.

00:29:45: In dieser Staffel hat man viel Wasser gesehen. Die Nordsee bei Nordstrand. Den Pazifik am Highway One. Die Schlei in Kappeln.

00:29:53: Aber die Schlei in Schleswig, das ist das eigene Wasser, das Wasser, das man immer kannte, das man nie wirklich verlässt,

00:30:00: auch weit weg, auch in Palm Springs, auch im Death Valley, auch am Pazifik.

00:30:06: Man denkt an die Schlei, manchmal, ohne Grund, einfach so. Dieses Wasser, diese Ruhe, diese Heimat. Die Schlei verbindet alles, alle Abschnitte, alle Menschen, alle Lebensabschnitte. Das Tretboot, die Nacht mit dem Onkel, das Luisenbad, die Kinder, die Oma.

00:30:25: Immer dieselbe Schlei, immer dieses Wasser, das sich nicht verändert, das kommt und bleibt, das wartet.

00:30:32: Die Schlei ist nicht ein Ort.

00:30:34: Die Schlei ist viele Orte, viele Stellen, viele Abende, viele Morgen.

00:30:40: Ein Sommerabend an der Schlei.

00:30:42: Man sitzt, man hat einen Platz gefunden, irgendwo am Ufer, eine Bank vielleicht, oder man sitzt einfach im Gras.

00:30:49: Die Schlei liegt da, ruhig, das Abendlicht darauf, dieses besondere Licht, das das Wasser golden macht, das es anders macht als den ganzen Tag über.

00:30:59: Das Gras ist noch warm von der Sonne des Tages, es riecht trocken und süß, und über dem Wasser steht die Luft still, so still, dass man das leise Summen der Insekten hört und weit hinten das Tuckern eines Motors, das langsam näher kommt und wieder verklingt.

00:31:15: Die Schwalben ziehen über dem Wasser ihre schnellen Bögen, dicht über der Oberfläche, wenden, steigen, fallen wieder, und die Schlei liegt darunter und lässt sie ziehen.

00:31:27: Ein Boot zieht vorbei, langsam, und das Kielwasser läuft aus,

00:31:31: diese kleinen Wellen, die ankommen, die den Steg bewegen, die wieder verschwinden.

00:31:36: Das Boot ist weg, die Schlei ist wieder still.

00:31:39: Man sitzt und denkt und denkt an nichts.

00:31:42: Man schaut. Das Wasser, das Licht, die Vögel, die über die Schlei ziehen und ihren Weg kennen, diese Abendvögel.

00:31:50: Das ist der Abend,

00:31:51: das ist dieser Abschluss, dieser Moment, den man kennt, den man hat, an der Schlei, in Schleswig. Schleswig.

00:31:58: Man kommt immer zurück. Irgendwann.

00:32:01: Von überall kommt man zurück, von der Nordsee, von Amerika, von Kappeln, von der Schlei in der Nacht.

00:32:08: Man kommt zurück.

00:32:10: Diese Stadt, diese Schlei, dieser Dom, das Schloss Gottorf, das Luisenbad,

00:32:15: das alles zusammen,

00:32:16: das ist Schleswig,

00:32:17: das ist zuhause.

00:32:19: Das kennt man,

00:32:20: das bleibt.

00:32:22: Erklären muss man nichts,

00:32:24: beschreiben muss man nichts,

00:32:25: man ist einfach hier, an der Schlei, und das ist gut.

00:32:30: Man schaut auf das Wasser,

00:32:31: man atmet.

00:32:33: Das Licht ist das Abendlicht, das schräge, das warme, das nicht lange bleibt.

00:32:39: Man denkt an das Tretboot, an die Pedale, die man trat,

00:32:42: an die Schlei, die so groß war.

00:32:45: Man denkt an den Onkel, an diese Nacht auf dem Wasser, die Mündungen, die Stille, die Sterne.

00:32:51: Man denkt an die Kinder, an das Luisenbad, an die Oma, die sie brachte,

00:32:57: an das Wasser, das sie kannten.

00:33:00: Diese Staffel.

00:33:01: Man war viel unterwegs. Palm Springs, die Wüste, Death Valley, Las Vegas, San Francisco, der Highway One, Los Angeles, Kappeln, Nordstrand.

00:33:13: Viel Wasser, viel Weite, viele Orte. Aber die Schlei war immer da. Auch in der Abwesenheit, auch in Amerika, auch auf dem Highway One.

00:33:25: Die Schlei war da, irgendwo, im Kopf, im Gedächtnis, als Maßstab vielleicht, als das, womit man alles vergleicht.

00:33:35: Man stand am Pazifik, an diesem gewaltigen, tosenden Wasser, und irgendwo unter dem Staunen lag ein leiser Gedanke an die stille Schlei, die niemals tost, die niemals drängt.

00:33:48: Man sah die Weite der Wüste, das flimmernde Licht über dem trockenen Land, und dachte an das Wasser zuhause, das kühl und braun und ruhig in seinem Fjord liegt.

00:33:59: Das Wasser hier, das kennt man,

00:34:01: das ist das eigene.

00:34:03: Es gehört einem mehr als jedes andere Wasser, mehr als der Pazifik, mehr als die Nordsee, mehr als der Colorado River.

00:34:13: Die Schlei ist das eigene Wasser, das erste, das vertraute, das Heimatwasser, das einem gehört und das bleibt.

00:34:22: Man hat an Palm Springs gedacht und an Death Valley, und von ganz weit weg an die Schlei, an das Wasser, das man vermisste, manchmal, ohne es je zu benennen.

00:34:34: Das ist das Ende dieser Staffel.

00:34:36: Man ist weit gereist, man ist tief in die Erinnerungen gegangen. Und die Schlei war immer da, als Hintergrund, als Heimat, als das, wohin man zurückkommt.

00:34:48: Jede Reise endet. Jede Staffel endet.

00:34:51: Jede Episode endet, auch diese hier.

00:34:55: Nur die Schlei endet nicht: sie fließt, sie wartet nicht, sie ist einfach da.

00:35:01: Man ist zurück, man ist immer wieder an der Schlei, man sitzt, man schaut, man atmet.

00:35:07: Das ist genug. Das war immer genug.

00:35:11: Diese Schlei, dieses Wasser, dieser Sommerabend.

00:35:15: Man denkt an den Highway One, an die Nordsee, an Kappeln, an den Heringszaun, an den Deich, an all das Wasser dieser Staffel, an all die Orte.

00:35:26: Die Schlei verbindet das alles.

00:35:28: Nicht wirklich, aber für einen selbst.

00:35:31: Sie ist der Anfang und das Ende, das Wasser, zu dem man zurückkommt.

00:35:37: Die Schlei im Abendlicht.

00:35:39: Man schaut, man denkt nichts Bestimmtes mehr, man schaut einfach.

00:35:44: Und man kennt die Geräusche der Schlei. Das Wasser, das leicht rauscht, das leise Klatschen am Steg, die Möwen, das Boot, das vorbeifährt, den Wind, der manchmal kommt.

00:35:56: Manchmal ist es ganz still, diese Stille, die nur an Gewässern ist, diese besondere Wasserruhe. Man sitzt und hört.

00:36:05: Man hört die Schlei, man hört, was man immer kannte, dieses Hören ohne Nachdenken, dieses einfache Da-Sein.

00:36:14: Es sind Geräusche, die man nicht bewusst wahrnimmt und die doch tief eingeschrieben sind, so tief, dass sie schon Ruhe bedeuten, bevor man überhaupt zugehört hat.

00:36:25: Das leise Schlagen des Wassers gegen das Holz, das Reiben eines Boots an seiner Leine, das ferne Rufen eines Vogels, der über die Weite zieht.

00:36:35: Das Wasser bewegt sich, leicht, diese leichte Bewegung, die Schlei atmet.

00:36:41: Die Möwen irgendwo,

00:36:42: man hört sie, schaut nicht hin, schaut auf das Wasser.

00:36:46: Ein Boot fährt vorbei, langsam, das Kielwasser läuft aus, die kleinen Wellen kommen, bewegen den Steg, verschwinden wieder.

00:36:55: Das Boot ist vorbei, die Schlei liegt wieder glatt.

00:36:59: Man sitzt, man schaut, man atmet.

00:37:02: Das ist genug, das war immer genug,

00:37:05: immer, hier, an der Schlei, in Schleswig, in dieser Stadt, die man kennt, an diesem Wasser, das immer da war und immer da sein wird.

00:37:15: Man hat viel von der Schlei erzählt in dieser Staffel. Oder eigentlich nicht von ihr, aber sie war immer da, immer im

00:37:23: Hintergrund.

00:37:24: War man in San Francisco, war die Schlei da.

00:37:27: Stand man im Death Valley, war die Schlei da.

00:37:30: Fuhr man den Highway One, war die Schlei da.

00:37:33: Das eigene Wasser bleibt. Auch in der Ferne, auch bei fremdem Wasser,

00:37:39: das eigene Wasser bleibt.

00:37:41: Man kommt zurück, immer, oder fast immer, zur Schlei, zu diesem Wasser, das man kennt und das einen kennt, das immer da war und immer da sein wird.

00:37:53: Der Abend an der Schlei.

00:37:55: Man sitzt, die Sonne geht unter, das Licht verändert sich, das Wasser wird anders.

00:38:00: Goldener, dann rosiger, dann fast violett, dann grauer.

00:38:04: Man bleibt sitzen, man schaut, man lässt diesen Abend einfach sein.

00:38:09: Die Möwen ziehen ab, die Boote gehen in den Hafen, die Schlei wird ruhiger, die Stadt wird ruhiger,

00:38:15: der Abend kommt. Die Farben ziehen langsam über das Wasser, jede löst die vorige ab, ohne dass sich der Übergang sehen ließe,

00:38:24: und der Himmel über dem Dom brennt noch eine Weile, ehe

00:38:28: auch er verblasst.

00:38:29: Die letzten Vögel finden ihre Wege, die letzten Lichter der Stadt gehen an und legen sich als bebende Streifen auf das dunkler werdende Wasser.

00:38:39: Man sitzt und denkt an nichts Bestimmtes und denkt zugleich an alles. An das Tretboot, an den Onkel, an die Kinder, an all das, was an dieser Schlei war und was an ihr noch sein wird.

00:38:53: Und dann liegt sie da, in der Nacht, jetzt. Draußen, dunkel.

00:38:58: Sie schläft nicht,

00:38:59: sie fließt, ganz leise. Irgendwo auf der Schlei

00:39:03: vielleicht ein Boot, vielleicht ein Angler, der wartet, der die Nacht kennt. Die Möwen schlafen, die Boote liegen still, die Schiffe liegen still. Die Schlei fließt. Sie atmet, sie lebt, sie ist.

00:39:17: Die Pedale des Tretboots drehen sich, langsam, rund, irgendwo in der Erinnerung, dort, wo sie hingehören.

00:39:25: Der Motor des Boots tuckert, die Nacht liegt über dem Wasser, der Onkel steuert, die Kinder lachen, die Oma sitzt am Ufer, und das Abendlicht bleibt noch ein wenig, noch einen Moment.

00:39:38: Man schaut. Dann ist es weg. Die Schlei bleibt. Sie bleibt immer,

00:39:43: wie sie immer blieb, wie sie immer bleiben wird.

00:39:47: Das ist das letzte Wort. Dieses Wasser, dieses eigene Wasser. Die Schlei bleibt.

00:39:55:

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