Der Deich — Hörgeschichte für Erwachsene zum Zuhören

Shownotes

Man kennt diesen Weg. Man ist ihn so oft gegangen, in so vielen Lebensabschnitten, dass man kaum noch weiß, wann das erste Mal war.

Der Deich bei Nordstrand, die Nordsee links, das Marschland rechts. Als Kind läuft man vor und zurück. Als junger Mann geht man schneller. Als Vater schiebt man den Kinderwagen gegen den Wind — und irgendwann hält man eine kleine Hand und geht viel langsamer, als man selbst gehen würde. Im Winter gehört der Deich einem fast allein. Die Schafe grasen an den Hängen, das Siel lässt das Wasser durch, und zweimal am Tag geht die Nordsee weg und kommt zurück. Eine ruhige Geschichte über einen Weg, den man ein Leben lang geht, über den Wind, der dazugehört, und über ein Bauwerk, das seit Jahrhunderten einfach steht.

Eine ruhige Hörgeschichte für Erwachsene zum Zuhören — ohne Werbung, kostenlos, vorgelesen.

Stille Orte — erzählte Geschichten von stillen Orten und Momenten. Jeden Freitag eine neue Episode.

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00:00:00: Der Deich

00:00:01: Man kennt diesen Weg. Man ist ihn so oft gegangen, in so vielen Lebensabschnitten, dass man kaum noch sagen kann, wann das erste Mal war.

00:00:09: Er liegt so tief in einem, dass er weniger eine Erinnerung ist als ein Teil des eigenen Körpers, ein Weg, den die Füße kennen, auch wenn der Kopf gerade woanders ist.

00:00:20: Als Kind läuft man vor und läuft zurück, bleibt stehen, will die Möwe anschauen, den Stein werfen, das Gras anfassen.

00:00:27: Man will alles auf einmal sehen, und man kann sich nicht entscheiden, was zuerst.

00:00:33: Als junger Mann geht man schneller, atmet tiefer, schaut weiter. Das Wetter auf der Haut, den Wind, das Salz auf den Lippen.

00:00:41: Man geht, weil das Gehen gut tut, weil der Deich weit hinausschauen lässt.

00:00:46: Als Vater schiebt man den Kinderwagen.

00:00:48: Man kämpft gegen den Wind, oder der Wind hilft. Je nach Richtung.

00:00:52: Es ist immer derselbe Wind, und doch ist er jedes Mal ein anderer.

00:00:57: Dann hält man eine Hand und geht langsam, viel langsamer, als man selbst gehen würde.

00:01:03: Aber man geht, und man merkt, dass dieses langsame Gehen etwas hat, das man vorher nicht kannte.

00:01:09: Dann geht man neben dem Roller her, hält Schritt, manchmal.

00:01:13: Manchmal wartet man, und das Warten ist auch schon Teil des Weges.

00:01:18: Und dann, irgendwann, schiebt man wieder. Einen Kinderwagen. Einen anderen Kinderwagen. Aber denselben Wind.

00:01:25: Diesmal kämpft man nicht mehr.

00:01:27: Man kennt den Wind, und der Wind kennt einen.

00:01:30: Das Kind schläft.

00:01:32: Man dreht die Runde noch einmal, weil man inzwischen weiß, wie kurz das alles ist.

00:01:37: Weil man es einmal nicht gewusst hat und es jetzt weiß. Und weil man dem, was kurz ist, ein paar Schritte mehr schenken will.

00:01:46: Immer wieder derselbe Deich. Immer derselbe Nordstrand.

00:01:50: Nordstrand kennt man zu jeder Jahreszeit. Im Sommer die Touristen, die Badesachen, das volle Restaurant, die Boote auf dem Wasser, das Watt, das in der Wärme riecht, kräftig und warm und ein bisschen nach Leben, das sich am Boden regt.

00:02:05: Im Herbst wird es ruhiger. Die Touristen sind weg, der Wind ist stärker, die Farben sind andere, das Licht steht schräger. Es legt sich flach über die Marsch, macht das Gras dunkler und das Wasser bleigrau.

00:02:18: Dieser norddeutsche Herbst, den man kennt, der einen frösteln lässt und den man trotzdem mag.

00:02:25: Im Winter ist der Deich fast leer. Dann gehört er einem beinahe allein.

00:02:29: Kein Mensch, nur der Wind, nur das Wasser, nur die Schafe.

00:02:33: Eine Stille, die tiefer ist als im Sommer. Eine Stille, die nicht leer ist, sondern voll,

00:02:39: voll von Wind und Weite und dem eigenen Atem.

00:02:42: Eine Stille, die man mag und manchmal sucht, wenn der Sommer vorbei ist.

00:02:47: Im Frühling kommt das Erwachen. Die ersten Touristen, die ersten Boote, das Wasser, das langsam wärmer wird, das Licht, das milder fällt.

00:02:57: Man hat hier alle Jahreszeiten erlebt. Alle auf demselben Deich.

00:03:01: Alle mit demselben Wind.

00:03:04: Die Nordsee kennt man. Man kennt auch die Schlei, man kennt auch die Ostsee.

00:03:08: Aber die Nordsee ist anders.

00:03:11: Die Schlei ist ruhig und vertraut. Sie hat immer ein anderes Ufer, das man sieht, das man beinahe rufen kann.

00:03:18: Sie ist das Wasser von Schleswig, das Wasser von zuhause. Die Nordsee ist groß und offen.

00:03:25: Sie hat keine andere Seite, jedenfalls keine, die man sieht oder erreicht.

00:03:29: Sie geht einfach weiter. Bis England. Bis Norwegen. Fast bis in die Arktis.

00:03:36: Man steht auf dem Deich und schaut auf dieses Wasser, das so viel größer ist als man selbst, so viel älter, so viel stärker.

00:03:43: Und trotzdem kommt man. Immer wieder, in jedem Alter, mit verschiedenen Menschen. Im Urlaub, als Tagesausflug,

00:03:50: einfach so.

00:03:51: Man steht hier, man schaut, man lehnt sich in den Wind.

00:03:55: Das ist das Verhältnis.

00:03:57: Ein uraltes Verhältnis, Mensch und Nordsee, und es ist immer ungleich.

00:04:02: Die Nordsee gewinnt am Ende immer. Das weiß man, das wissen alle.

00:04:06: Und man kommt trotzdem. Vielleicht gerade deshalb.

00:04:11: Nordstrand ist eine Halbinsel. Nicht ganz Insel, nicht ganz Festland, irgendwas dazwischen.

00:04:17: Man fährt über den Damm, der Nordstrand mit dem Festland verbindet, und der Damm sagt einem: du bist jetzt woanders.

00:04:24: Du bist näher am Meer.

00:04:26: Man spürt es sofort. Das andere Licht, dieses besondere Licht der Westküste, das weiter oben zu hängen scheint, das die Dinge klarer zeichnet.

00:04:35: Die andere Luft, der andere Wind.

00:04:38: Schon auf dem Damm, schon bevor man ankommt, weiß man: jetzt ist man da.

00:04:44: Die Anfahrt gehört dazu.

00:04:46: Man fährt die alten Straßen hinaus, die mit jedem Jahr ein Stück älter werden, der Asphalt rissig, mal ausgebessert, mal nicht, die holprigen Stellen längst vertraut.

00:04:57: Immer weiter geht es, bis das Land schmaler wird und das Wasser näher kommt, bis von allem, was sonst so wichtig scheint, nichts mehr übrig ist als Himmel und Gras und der Geruch von Salz.

00:05:10: Irgendwann ist die Straße einfach zu Ende. Eine Sackgasse, ohne Umschweife. Und dahinter

00:05:15: liegt die Nordsee, gleich dahinter, als wäre das Festland aufgebraucht.

00:05:20: Da ist ein Parkplatz, mehr braucht es nicht.

00:05:23: Man steigt aus, und der Wind ist sofort da, der nimmt keine Rücksicht auf die Jahreszeit.

00:05:29: Also warm eingepackt, Mütze, Schal, die Jacke bis oben zu, auch im Sommer manchmal. Und dann los.

00:05:38: Der Deich. Man geht oben drauf,

00:05:40: das ist der Weg. Links

00:05:42: das Meer, die Nordsee, die kommt und geht, die nie stillsteht, die immer in Bewegung ist. Rechts das Marschland, diese grüne, flache Weite, die Felder, die Kuhlen, das Wasser, das manchmal darin steht und den Himmel spiegelt.

00:05:58: Das Marschland ist fruchtbar. Es war immer fruchtbar, und darum hat man die Deiche gebaut.

00:06:04: Darum hat man dem Meer das Land abgetrotzt, Meter um Meter, Jahrhundert um Jahrhundert.

00:06:11: Man schaut vom Deich auf das grüne Land, auf die Kühe, auf die Schafe.

00:06:15: Dieses Land wäre nicht da ohne die Deiche, ohne die Schleusen, ohne die Arbeit von Generationen.

00:06:22: Es liegt so ruhig da, als hätte es schon immer so gelegen.

00:06:26: Dabei ist jeder Quadratmeter davon dem Wasser abgerungen.

00:06:31: Man geht auf dem Deich zwischen zwei Welten. Links das Meer, rechts das Land.

00:06:36: Man ist auf der Grenze. Immer, beim Gehen hier oben. Der Wind. Hier ist immer Wind,

00:06:44: das weiß man.

00:06:45: Wer nach Nordstrand kommt, kommt zum Wind.

00:06:47: Er gehört dazu, er ist Teil des Ortes.

00:06:51: Es ist nicht der Wind von Schleswig, nicht der Wind an der Schlei.

00:06:55: Es ist dieser Wind, der über das offene Meer kommt, von sehr weit her, und den nichts aufhält.

00:07:02: Kein Baum, kein Haus, kein Hügel. Der Deich vielleicht.

00:07:06: Und man selbst.

00:07:08: Man stellt sich dem Wind und lehnt sich hinein.

00:07:11: Dieses Lehnen hat man als Kind gelernt und immer gemacht, und man macht es noch.

00:07:17: Zuerst vorsichtig. Man lehnt ein bisschen, der Wind hält. Ein bisschen mehr, und er hält immer noch.

00:07:24: Dann traut man sich, lehnt sich ganz hinein, und der Wind hält.

00:07:29: Bei Sturm ist das anders.

00:07:31: Da muss man lehnen, da hat man keine Wahl: lehnen, oder fallen. Die Arme weit aus, fast waagerecht,

00:07:38: der Wind ist eine Wand. Eine unsichtbare Wand aus Luft und Kraft, die einen trägt.

00:07:45: Das ist das Nordsee-Gefühl,

00:07:47: und gesucht hat man genau das. Jedes Mal beim Kommen, ohne es je so zu nennen.

00:07:52: Man sagt: ich gehe an den Deich. Gemeint ist: ich will das wieder, dieses Getragensein, diesen Wind, der einen kennt.

00:08:02: Als Kind ist das der beste Teil.

00:08:04: Sich gegen den Wind lehnen, die Arme ausbreiten, der Wind trägt. Man fliegt fast. Man fliegt nicht. Aber fast.

00:08:13: Die Touristen kennt man.

00:08:15: Man war ja selbst Tourist hier, manchmal, und manchmal Einheimischer. Beides.

00:08:20: Das ist Nordstrand, das ist der Deich, das ist die Nordseeküste, die einem ein bisschen gehört.

00:08:27: Im Sommer kommen sie von überall. Familien, Paare, Rentner, alle wollen die Nordsee, den Deich, das Watt, den Wind.

00:08:36: Und dann ist das Wetter nicht so, wie man es gebucht hatte.

00:08:39: Grau, windig, manchmal Regen.

00:08:43: Aber man hat Urlaub, also geht man trotzdem, trägt die Badesachen zum Strand, setzt sich, auch wenn der Himmel grau ist, der Wind pfeift, der Regen kommt.

00:08:52: Diesen Anblick kennt hier jeder.

00:08:55: Menschen in kurzen Hosen, im Nieselregen, die Muscheln sammeln und Sandwürmer suchen, die trotzdem ihr Eis essen.

00:09:02: Urlaub ist Urlaub,

00:09:03: das Wetter spielt keine Rolle.

00:09:06: Man lächelt, weil man das versteht, das Gefühl kennt, es selbst hatte. Dieses Trotzen, dieses

00:09:13: Ich-bin-jetzt-im-Urlaub.

00:09:14: Als Kind war man genauso.

00:09:16: Badesachen an, Wetter egal, hier ist man, also Strand.

00:09:22: Die Schleuse kennt man.

00:09:23: Als Kind hat man sie angestarrt, das Öffnen, das Schließen, das Wasser, das hindurchgeht, kontrolliert und geregelt.

00:09:32: Die Nordseeküste ist ein System.

00:09:34: Das Land ist flach, das Land liegt tief, stellenweise unter dem Meeresspiegel.

00:09:39: Das Wasser würde kommen und das Land nehmen, ließe man es.

00:09:43: Also die Deiche, also die Schleusen, ein System, das seit Jahrhunderten arbeitet. Und nie fertig ist.

00:09:51: Man geht an der Schleuse vorbei, am Ablegehafen, und schaut auf das Wasser, das hindurchgeht.

00:09:57: Mal steht es ruhig, dann kommt wieder Bewegung. Die Gezeiten. Das System arbeitet, täglich, stündlich, immer.

00:10:04: So geht das hier.

00:10:06: Der Kampf mit dem Wasser, der nie aufhört.

00:10:10: Das Wasser, das durch den Deich darf, geht durch das Siel.

00:10:13: Ein Durchlass, ein Tor für das Wasser, nicht für Menschen.

00:10:17: Das Binnenland liegt tief, tiefer als das Meer

00:10:20: bei Flut. Das Wasser, das dort zusammenläuft, muss irgendwohin.

00:10:24: Also wartet es.

00:10:26: Bei Flut ist das Siel zu, das Meer drückt von außen, nichts geht hinaus.

00:10:31: Aber bei Ebbe, wenn das Meer sich zurückzieht und der Druck nachlässt, drückt das Wasser von innen das Tor auf, ganz von selbst, und läuft hinaus, dem Meer hinterher. Sielzug nennen sie das.

00:10:43: Die Tide steuert es, dieser ewige Wechsel von Hoch und Niedrig,

00:10:48: der Tidenhub, der Atem der Nordsee.

00:10:50: Als Kind hat man davorgestanden und nicht begriffen, wie ein Tor von allein weiß, wann es Zeit ist.

00:10:57: Heute begreift man es. Und es bleibt trotzdem ein kleines Wunder.

00:11:01: An einen Morgen am Siel erinnere ich mich noch genau.

00:11:05: Vorne, wo die großen Steinpackungen liegen, die das Bauwerk sichern, lag eine Robbenfamilie. Eine kleine Gruppe, dicht beieinander, faul auf den warmen Steinen, die uns kaum eines Blickes würdigte.

00:11:17: Wir sind einfach stehengeblieben und haben geschaut.

00:11:20: So etwas sieht man nicht jeden Tag.

00:11:22: Also standen wir still, sagten nichts, atmeten flach, und blieben, solange sie blieben.

00:11:30: Die Schafe gehören zum Deich wie der Wind und das Wasser.

00:11:33: Sie grasen oben an den Hängen, das ganze Jahr, und sie sind keine Zierde, auch wenn die Touristen sie dafür halten.

00:11:40: Sie arbeiten.

00:11:41: Es sind die Schafe, die den Deich halten.

00:11:44: Ihr Verbiss hält das Gras kurz, und kurzes Gras wurzelt tiefer, bildet eine dichte Narbe, die fest zusammenhält. Und ihre kleinen, harten Schritte treten den Boden fest,

00:11:55: Tag für Tag, immer dieselben Wege.

00:11:58: Die Schäfer haben einen Namen dafür: den goldenen Tritt.

00:12:02: Ein Deich, über den die Schafe gehen, ist ein fester Deich, einer, der der Sturmflut standhält.

00:12:09: Irgendwo ist immer ein Schäfer.

00:12:11: Man sieht ihn nicht jeden Tag, aber er gehört dazu.

00:12:14: Die Deiche gehören dem Land, das sie an die Schafhalter verpachtet, mit Auflagen. Denn es geht nicht ums Schaf allein, es geht um das, was dahinterliegt.

00:12:24: Im Winter, wenn das Gras auf dem Deich nicht mehr reicht, teilt der Schäfer die Herde in kleine Trupps und zieht damit ins Binnenland, über die Wiesen der Höfe.

00:12:33: Im Frühjahr kommen sie zurück auf den Deich.

00:12:36: Als Kind hat man einen Schäfer gesehen. Und als Großvater sieht man wieder einen. Vielleicht nicht denselben. Aber einen.

00:12:43: Manche Dinge bleiben, auch wenn die Menschen

00:12:45: wechseln.

00:12:48: Im Frühjahr sind die Lämmer da.

00:12:49: Dann steht man oben auf dem Deich und sieht ihnen zu,

00:12:53: wie sie auf zu langen Beinen hinter den Müttern herstolpern, wie sie sich aneinanderdrängen, sobald der Wind auffrischt, wie sie in der ersten warmen Sonne springen, einfach so, ohne Grund, weil sie nicht anders können.

00:13:05: Das ist ein guter Anblick. Einer von der Sorte, für die man eigentlich gekommen ist, auch wenn man das vorher nicht gewusst hat.

00:13:12: Man bleibt stehen und schaut, und für einen Moment sind der ganze ernste Deich, die Sturmflut, die Arbeit von Jahrhunderten ganz weit weg, und es gibt nur die Lämmer und den Wind und das Licht.

00:13:25: Man schaut auf die Schafe. Manchmal schauen sie zurück, meistens nicht. Das Gras ist interessanter.

00:13:32: Und dann die Kipptüren, die Durchgänge im Deich.

00:13:36: Man geht hindurch, und die Tür schnappt zu.

00:13:38: Der Mechanismus ist einfach, nur die Schwerkraft.

00:13:41: Die Tür kippt zu, automatisch, laut. Dieser Knall.

00:13:47: Als Kind erschrickt man. Als Erwachsener manchmal noch, wenn man nicht daran denkt.

00:13:51: Die Schafe bleiben jedenfalls, immer. Sie entkommen nicht.

00:13:55: Sie sind nicht so dumm, wie man denkt. Oder doch.

00:13:58: Aber die Türen sind schlauer.

00:14:00: Das ist der Sinn der Sache. Als Kind ist dieser Knall ein kleines Abenteuer.

00:14:05: Man geht hindurch, die Tür knallt, man erschrickt, dann lacht man.

00:14:09: Zurück durch, sie knallt wieder, wieder das Lachen. Dreimal,

00:14:12: viermal, bis jemand sagt: komm jetzt.

00:14:17: Beim ersten Mal weiß man nicht, was einen erwartet.

00:14:20: Meine Freundin damals, heute meine Frau, kannte den Deich noch nicht.

00:14:24: Sie ging durch das Gatter, und kaum war sie hindurch, kamen die Schafe. Alle auf einmal, von überall, angelaufen, geradewegs auf sie zu.

00:14:33: Für einen Moment dachte sie, die Tiere wollten etwas,

00:14:36: dachte, sie würden anfallen, beißen.

00:14:39: Dabei wollten sie nur gefüttert werden.

00:14:41: Sie kennen das, dass Menschen kommen und manchmal etwas dabeihaben, und sie kommen voller Hoffnung, alle gleichzeitig,

00:14:48: und das sieht erst einmal entschlossen aus, fast schon bedrohlich, wenn man es nicht besser weiß.

00:14:53: Sie ist sicherheitshalber noch einmal durch das Gatter zurück, schnell, und hat von der sicheren Seite aus zugesehen, bis klar war, dass die ganze Herde nichts weiter wollte als ein bisschen Aufmerksamkeit.

00:15:04: Wir lachen heute noch darüber.

00:15:06: Die Schafe haben es, soweit man das bei Schafen sagen kann, nie erfahren.

00:15:12: Die Gezeiten sind das Besondere hier. Die Ostsee hat das kaum, die Schlei hat das kaum.

00:15:17: Aber hier kommen und gehen sie, zweimal am Tag, verlässlich. Die Flut.

00:15:23: Das Wasser kommt.

00:15:25: Man schaut auf die Steine am Strand, man geht ein Stück, man kommt zurück, und die Linie ist weiter.

00:15:30: Das Wasser ist nähergekommen, ohne Lärm, ohne Ankündigung. Einfach näher, einfach mehr da.

00:15:36: Eine schleichende Bewegung, die man kaum sieht, die man erst sieht, wenn man länger schaut.

00:15:42: Als hätte das Meer alle Zeit der Welt, und die hat es auch.

00:15:46: Und dann die Ebbe. Das Wasser zieht sich zurück und legt das Watt frei. Diese flache, weite, schlickige Fläche, die eben noch Wasser war.

00:15:55: Jetzt Schlick.

00:15:56: Jetzt dieser Geruch.

00:15:58: Die Nordsee hat einen Geruch, den man sofort erkennt. Salz. Jod. Und das Watt, wenn es freiliegt,

00:16:05: dieser Wattgeruch, der so eigen ist, so unverwechselbar, so sehr Nordsee.

00:16:11: Man atmet tief und denkt: das ist es.

00:16:14: Diesen Geruch kann man nicht kaufen, nicht herstellen.

00:16:17: Den gibt es nur hier, an der Nordsee, auf dem Deich, bei ablaufendem Wasser.

00:16:22: Er setzt sich fest, in der Kleidung, in den Haaren.

00:16:25: Man fährt nach Hause, man riecht ihn noch, man duscht, und er ist immer noch da. Ganz leicht, sehr leicht. Aber da. Wie eine Erinnerung, die man eine Weile mit sich

00:16:35: trägt.

00:16:38: Die Muscheln sammelt man manchmal, am Strand, nach der Ebbe, wenn das Watt freiliegt und die Muscheln daliegen. Blau, grau, manchmal leuchtend, wenn die Sonne sie trifft.

00:16:50: Als Kind sammelt man alles. Jede Muschel, jeden Stein.

00:16:54: Man trägt die Taschen voll nach Hause und zeigt sie her.

00:16:57: Zuhause sehen sie anders aus, nicht mehr nass, nicht mehr glänzend. Trocken und grau.

00:17:03: Aber man hebt sie auf, stellt sie aufs Fensterbrett, schaut sie an und erinnert sich. An den Strand, an die Ebbe, an das Watt. Das Watt.

00:17:14: Als Kind läuft man hinein, barfuß. Der Schlick zwischen den Zehen.

00:17:19: Das ist eklig, das ist gut, das ist beides gleichzeitig.

00:17:23: Man läuft tiefer, man versackt ein bisschen, man zieht den Fuß heraus. Dieses Geräusch, dieses Schmatzen, das nur das Watt macht.

00:17:32: Dann noch tiefer, bis die Knie nass sind. Weiter geht man nicht.

00:17:36: Man dreht um, läuft zurück, nass bis zu den Knien, und ist glücklich.

00:17:42: Das ist Nordstrand, das ist das Watt,

00:17:44: das ist die Westküste. Eklig und schön zugleich.

00:17:48: Man läuft, bis man aufhört. Bis man umkehrt.

00:17:53: Das Restaurant kennt man.

00:17:54: Man hat dort gegessen, oft, in allen Lebensabschnitten.

00:17:59: Als Kind bestellt man Pommes, oder was erlaubt ist, und schaut auf das Wasser.

00:18:04: Eigentlich will man wieder raus, an den Strand.

00:18:07: Man isst schnell. Als junger Mann nimmt man sich Zeit.

00:18:11: Man bestellt Fisch, man trinkt ein Bier, man schaut auf das Wasser, man sitzt.

00:18:17: Mit der Frau ist es wieder anders.

00:18:19: Man schaut auf das Menü, man redet, man empfiehlt, man sitzt länger.

00:18:24: Mit Kindern ist es wieder wie damals. Man bestellt, man wartet, man wartet noch einmal, das Kind will raus, man isst schnell.

00:18:33: Das Restaurant kennt alle diese Versionen.

00:18:36: Es sieht sie jeden Sommer. Familien, Paare, Alte, Junge.

00:18:41: Alle essen Fisch, alle schauen aufs Wasser. Krabbe vielleicht, oder Scholle, oder das, was die Nordsee gerade hat.

00:18:48: Man isst, und das Wasser bewegt sich.

00:18:50: Mal kommt es, mal geht es. Es macht sein Ding, man macht seines. Der Ablegehafen, die Boote, manchmal die Krabben-Kutter. Schiffe, die rausfahren, die die Nordsee kennen, die die Gezeiten kennen, die wissen, wann. Die Krabbe, die man hier isst, puult man selbst.

00:19:10: Das ist Arbeit, langsame Arbeit.

00:19:12: Man sitzt und puult, hat eine Handvoll, isst, puult weiter.

00:19:17: Als Kind fehlte dafür die Geduld,

00:19:19: als Kind gab es Pommes.

00:19:21: Als Erwachsener puult man.

00:19:22: Zeit ist genug, alle Zeit der Welt.

00:19:25: Man sitzt, schaut aufs Wasser, hört die Möwen, puult.

00:19:29: Die Krabbe ist frisch, sie ist von hier, sie war heute noch im Wasser. Das weiß man, das schmeckt man. Diese kleinen Krabben puulen, das ist Arbeit.

00:19:38: Aber es lohnt sich. Immer.

00:19:41: Vom Hafen kommt ein eigener Geruch. Fisch, Salz, Diesel, Teer.

00:19:46: Diese Mischung gehört zu jedem Hafen.

00:19:48: Aber hier hat sie die Nordsee mit drin, das Salz, die Weite.

00:19:52: Man geht am Hafen entlang und schaut auf die Boote, die Fischer-Kutter, die Krabben-Kutter, die Sportboote, alle auf dem Wasser.

00:20:01: Man schaut auf den Horizont.

00:20:04: An der Nordsee ist der Horizont anders als an der Schlei.

00:20:07: Die Schlei hat immer ein anderes Ufer, sie ist begrenzt. Die Nordsee hat keines, jedenfalls keines, das man sieht.

00:20:15: Sie geht einfach weiter. Ein Horizont, der so gerade ist, dass man die Krümmung der Erde fast zu sehen meint.

00:20:23: An klaren Tagen, und manchmal sind es gerade die stürmischen, an denen die Luft am klarsten ist, sieht man hinaus, und da ist doch etwas.

00:20:31: Pellworm liegt drüben, die Nachbarinsel, flach im Watt, und wenn das Licht stimmt, erkennt man den Leuchtturm,

00:20:38: rot und weiß, klein und deutlich am Rand des Wassers.

00:20:42: Weiter draußen die Halligen, diese kleinen Landflecken im Meer ohne Deich, die bei schwerer Flut fast untergehen und am nächsten Morgen doch wieder da sind, als wäre nichts gewesen.

00:20:53: Und manchmal ein Schiff, eine Fähre, die hinüberfährt nach Pellworm oder zu den Halligen, langsam, mit der Tide, nicht gegen sie.

00:21:01: Man steht und schaut ihr nach, bis sie kleiner wird, bis sie fast verschwindet, und denkt an die, die dort draußen leben, mit dem Wasser ringsum, und fragt sich, ob sie den Wind noch hören oder ob er für sie längst nur Stille geworden

00:21:16: ist. Man

00:21:18: schaut lang auf diesen Horizont, ohne zu blinzeln. Da ist England, irgendwo, denkt man, sieht es nicht und weiß es doch. Und weiter Norwegen, und weiter die Arktis, und dann kein Land mehr.

00:21:31: Nur Wasser, nur dieses Meer.

00:21:34: Manchmal liegt Nordstrand im Nebel. Dieser Seenebel, der alles dämpft, der den Horizont wegnimmt, der den Deich in Grau hüllt.

00:21:43: Man geht trotzdem, sieht nicht weit, fünfzig Meter vielleicht, oder weniger. Aber man hört die Nordsee, auch wenn man sie nicht sieht.

00:21:51: Das Brechen der Wellen, das Rauschen. Das ist auch gut.

00:21:54: Manchmal ist es das Beste, das Meer nur zu hören und nicht zu sehen, weil es dann näher scheint als je.

00:22:02: Man steht auf dem Deich und schaut. Das ist das Wesen des Deichs.

00:22:06: Man schaut auf das Wasser, das kommt und geht, das größer ist als man selbst.

00:22:13: Die Fischer hier kennen die Gezeiten.

00:22:15: Sie wissen, wann das Wasser kommt und wann es geht, und sie fahren danach.

00:22:19: Sie arbeiten mit dem Wasser, nicht gegen es.

00:22:23: Das ist die Kunst, dieses Wissen, wann. Ein altes Wissen, weitergegeben, nicht aus Büchern, sondern von einem zum nächsten.

00:22:32: Man schaut auf die Boote, man schaut auf das Wasser und denkt: hier geht eine andere Zeit. Eine andere Geschwindigkeit.

00:22:39: Die Gezeiten bestimmen, nicht der Mensch.

00:22:44: Der Kinderwagen auf dem Deich ist eine eigene Geschichte.

00:22:47: Man schiebt. Der Weg ist nicht glatt, der Weg ist Gras und Erde, manchmal holprig. Der Wagen wackelt. Das Kind schläft trotzdem weiter, einfach so. Der Wind kommt mal von vorne. Dann drückt man, dann kämpft man. Mal von hinten, dann hilft er, dann schiebt man kaum, dann schiebt der Wind. Das Kind schläft. Es ist das tiefste Schlafen, das Schlafen auf dem Deich. Der Wind, das Rauschen, die Bewegung des Wagens, alles zusammen. Man steht und wartet, will nicht aufhören, nicht zurück, weil das Kind so tief schläft.

00:23:22: Also schiebt man weiter, dreht noch eine Runde.

00:23:27: Dann an der Hand. Man geht, und das Kind geht.

00:23:30: Das ist der Abschnitt, der am längsten dauert, am gefühlten Zeitmaß.

00:23:35: Das Kind geht langsam und nicht immer geradeaus.

00:23:39: Es schaut nach links, nach rechts, nach oben. Die Möwe.

00:23:43: Man wartet, schaut mit, sieht die Möwe, das Watt, das Wasser, sieht, was das Kind sieht.

00:23:49: Das ist etwas, diese Perspektive, dieser erzwungene, langsame Blick.

00:23:54: Man hat vergessen, dass man einmal so geschaut hat. Jetzt lernt man es wieder. Das Kind bleibt stehen, man bleibt auch stehen und schaut zusammen. Was schaust du, fragt man, und das Kind zeigt: dahin. Ein Schaf, das ernst zurückschaut, wie Schafe immer ernst schauen, ohne Humor, ohne Kommentar, ohne Anteilnahme. Das Kind lacht, man lacht, man geht weiter.

00:24:19: Dann der Roller.

00:24:21: Das Kind ist größer, das Kind fährt, man geht daneben. Eine andere Geschwindigkeit.

00:24:26: Das Kind ist schneller, freier, es muss nicht mehr an der Hand gehalten werden.

00:24:32: Man geht, das Kind fährt vor, das Kind kommt zurück. Es ruft: komm!

00:24:37: Man kommt, sagt man.

00:24:39: Man kommt.

00:24:40: Dieser Deich ist genug. Für den Roller, für die kurzen Beine, für diesen Nachmittag.

00:24:47: Man schaut auf das Kind, das selbst fährt, das

00:24:49: keine Hilfe mehr braucht, nicht mehr hier oben,

00:24:52: und man denkt: das war der Kinderwagen,

00:24:55: das war die Hand,

00:24:56: jetzt das. Wie schnell. Wie sehr. Diese Wege, diese Phasen, alle auf demselben Deich, alle auf Nordstrand.

00:25:07: Der Wind ist immer derselbe, der Deich ist immer derselbe, die Nordsee ist immer dieselbe. Nur man selbst wechselt. Und wer neben einem geht.

00:25:19: Die Sturmflut.

00:25:21: Man war auch bei Sturmflut hier. Das ist etwas anderes. Das ist nicht der Nordstrand der Touristen, nicht der der Badesachen.

00:25:29: Das ist ernst. Das zeigt, was die Nordsee kann.

00:25:34: Die Wellen schlagen an den Deich, dieses Donnern, dieses Wasser, das hochspritzt, das über den Deich will und nicht kann, weil der Deich steht.

00:25:43: Der Wind bei Sturmflut lässt einen nicht mehr aufrecht stehen.

00:25:48: Man muss sich lehnen, tief, gegen diesen Sturm, der einen fast umwirft.

00:25:54: Man legt sich fast hinein, liegt im Wind, und der Wind trägt.

00:25:58: Festhalten muss man sich nicht. Der Wind ist die Stütze.

00:26:03: Das ist ein Gefühl, das man nicht vergisst.

00:26:06: Diese Macht, diese Kraft, die man spürt, die man respektiert, die man auch liebt.

00:26:12: Die Nordsee bei Sturm ist eine andere Nordsee. Nicht die der Badesachen, nicht die der Sandwürmer.

00:26:19: Diese hier ist ernst.

00:26:21: Die unterschätzt man nicht. Die zeigt, was sie kann.

00:26:26: Man geht oben auf dem Deich und denkt manchmal an die, die ihn gebaut haben.

00:26:31: Die hier standen, mit Schaufeln, mit Schubkarren, mit ihren Händen.

00:26:36: Die Deiche an der Nordseeküste sind nicht von heute. Sie sind alt.

00:26:41: Meter um Meter wurden sie aufgebaut, Jahr um Jahr, Generation um Generation.

00:26:48: Die großen Sturmfluten haben sie oft zerstört, haben ganze Dörfer mitgerissen, ganze Landstriche überflutet, haben getötet.

00:26:57: Und dann baute man wieder. Höher diesmal, breiter, stärker.

00:27:03: Man lernte, passte an, baute immer besser. Und baut noch, hört nicht auf.

00:27:10: Dieser Deich, auf dem man geht, ist das Ergebnis von Jahrhunderten. Von Arbeit, von Verlust, von Neuanfang.

00:27:18: Man geht auf ihm und denkt das nicht alles. Man geht und schaut auf das Wasser.

00:27:23: Aber irgendwo ist dieses Wissen, dass hier mehr ist als Erde und Gras. Dass unter jedem Schritt die Mühe von Menschen liegt, die man nie gekannt hat und denen man doch etwas verdankt.

00:27:38: Man denkt manchmal an die Sturmflut von neunzehnhundertzweiundsechzig. Die große Sturmflut, die die ganze Küste traf, die Hamburg überflutete, die Menschen tötete.

00:27:49: Hier an der Westküste, hier an Nordstrand, da war das Wasser.

00:27:54: Da war die Kraft der Nordsee, die man an ruhigen Tagen kaum ahnt und an Sturmtagen besser versteht.

00:28:02: Man steht auf dem Deich und schaut auf das Wasser und denkt: das ist dasselbe Wasser, das an diesem Deich stand, das über ihn wollte.

00:28:10: Aber der Deich steht.

00:28:12: Er ist seitdem höher geworden, breiter, stärker.

00:28:16: Man hat gelernt, man lernt immer.

00:28:19: Man steht und denkt: hier haben Menschen Deiche gebaut, jahrhundertelang, gegen dieses Wasser. Damit das Land bleibt. Damit man stehen kann. Hier. Auf diesem Deich. In diesem Sturm.

00:28:35: Der lange Spaziergang. Das ist das Ziel.

00:28:38: Man kommt nach Nordstrand, man geht auf den Deich, man geht. Manchmal nicht weit, nur bis zur Schleuse und zurück.

00:28:45: Manchmal weiter, bis man die Stadt nicht mehr sieht, bis man allein ist, oder fast allein, bis man nur noch den Deich hat. Das Wasser. Den Wind.

00:28:55: Dieser lange Spaziergang hat kein Ziel. Außer: laufen. Außer: da sein. Außer: atmen.

00:29:04: Man kommt nach Hause und ist müde. Gut müde. Die Art von Müde, die von frischer Luft kommt, von Bewegung, von Wind. Man schläft gut in dieser Nacht. Tief.

00:29:15: Die Erinnerungen liegen alle auf diesem Deich. Übereinander, wie Schichten, die sich nicht mischen und doch alle da sind.

00:29:24: Die Kindheitserinnerung: der Wind, der einen fast umwirft. Die Kipptür, die einen erschreckt. Der Schlick zwischen den Zehen. Das Eis danach.

00:29:34: Die Jugenderinnerung: der Sturm, in den man sich legt. Dieses Fallen, ohne zu fallen. Dieses Getragenwerden. Diese Macht, die man respektiert.

00:29:45: Die Erinnerung als Vater: der Kinderwagen auf dem Deich. Das Kind, das die Möwe anschaut. Die Hand, die man hält. Der Roller, dem man folgt. Alle auf demselben Deich. Alle mit demselben Wind. Alle mit derselben Nordsee links und dem Marschland rechts.

00:30:05: Der Deich hat das alles gesehen. Er hat sich nicht verändert.

00:30:09: Er steht. Er hält. Seit Jahrhunderten.

00:30:13: Der Abend auf dem Deich. Das Abendlicht. Die Nordsee im Abendlicht ist etwas anderes.

00:30:19: Dieses Licht, das schräger wird, das das Wasser anders macht, das es golden werden lässt und dann grau und dann fast schwarz. Die Gezeiten, abends. Das Wasser, das kommt oder geht, je nachdem.

00:30:34: Die Möwen fliegen abends tiefer. Sie schreien.

00:30:37: Dieses Schreien gehört zum Deich, gehört zur Nordsee, vertraut wie alles hier.

00:30:42: Man steht und schaut auf das Abendlicht, auf die Möwen, die tief fliegen, auf das Wasser, denkt nichts Bestimmtes, schaut einfach.

00:30:52: Das ist das Ziel des Deichs. Einfach da sein, einfach schauen, einfach atmen.

00:30:58: Diesen Wind. Diese Luft. Diesen Horizont. Der Deich. Man steht oben drauf. Diesmal ohne Kind, ohne Kinderwagen, ohne Hand, ohne Roller.

00:31:10: Allein. Oder mit ihr, ohne die Kinder.

00:31:15: Man schaut auf die Nordsee. Das Wasser kommt gerade, die Flut.

00:31:19: Man schaut, wie es kommt, langsam und stetig. Man denkt an die Male, die man hier war. Alle Male, alle Phasen, alle Jahreszeiten, alle auf diesem Deich.

00:31:31: Der Wind kommt, natürlich, derselbe Wind, immer. Man lehnt sich hinein, kennt das, macht das immer, hier, bei jedem Besuch, bei jedem Wetter.

00:31:43: Nordstrand. Man sagt es, man hört es, und man denkt an den Deich, an den Wind, an das Wasser.

00:31:49: Es braucht keine große Geschichte, kein besonderes Ereignis. Man war einfach dort.

00:31:55: Oft. Mehr ist es nicht, und mehr muss es nicht sein.

00:32:00: Diese Vertrautheit. Diese lange, über Jahrzehnte gewachsene Vertrautheit mit einem Ort, den man in allen Phasen kennt.

00:32:08: Als Kind. Als junger Mann. Als Vater. Als Großvater. Als Begleiter. Und der Ort kennt einen

00:32:15: auch. Der Deich kennt einen. Nicht wirklich.

00:32:19: Aber man fühlt es manchmal, wenn man wiederkommt, wenn man den Wind spürt, wenn man auf das Wasser schaut.

00:32:26: Man fährt nach Hause. Von Nordstrand, von der Westküste, von der Nordsee, von diesem Deich.

00:32:33: Man sitzt im Auto und riecht sich selbst.

00:32:36: Salz. Wind. Das Watt vielleicht noch ein bisschen.

00:32:40: Man fährt durch die Marsch, diese flache, weite Landschaft, diese norddeutsche Weite, die sich langsam ändert, die nach und nach zur Geest wird, zu Schleswig.

00:32:51: Irgendwann ist man zu Hause. Müde, gut müde. Man riecht noch leicht nach Meer, nach Wind,

00:32:56: nach Salz.

00:32:59: Und wenn man später an den Tag denkt, dann kommen sie alle zurück, auf einmal, übereinander: der Deich, der Wind, die Nordsee. Die Schafe, die Kipptür, die zuschnappt, das Watt, dieser Geruch, diese Schichten. Draußen ist irgendwo die Nordsee. Sie kommt, sie geht, die Gezeiten, zweimal am Tag, immer. Diese Verlässlichkeit, diese Pünktlichkeit des Wassers, die immer stimmt, auf die man sich verlassen kann. Der Deich steht. Die Kipptüren stehen. Die Schafe weiden auf dem Grasdeich.

00:33:34: Sie weiden immer.

00:33:36: Manchmal schauen sie. Dann weiden sie weiter.

00:33:40: Der Wind kommt. Er kommt immer, von weit, von weit draußen, von dort, wo das Meer aufhört. Oder nicht aufhört. Der Deich bleibt.

00:33:49: Die Nordsee kommt, sie kommt immer, und geht. Der Deich bleibt.

00:33:55: Man kommt auch. Immer wieder. Weil man muss. Oder weil man will. Beides.

00:34:01: Das ist Nordstrand. Das ist der Deich. Das ist die Nordseeküste, die einem ein bisschen gehört. Die man immer kannte. Und immer kennen wird.

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