Der lange Abschnitt — Hörgeschichte für Erwachsene, vorgelesen

Shownotes

Südwärts, von San Francisco zurück. Der Highway One legt sich an die Küste — die Kurven, das Meer, das Licht, das man aus Filmen kennt. Nur ein kurzer Abschnitt, zwanzig Kilometer, aber man nimmt ihn bewusst: den langsameren Weg, der der schönere ist.

Eine ruhige Geschichte über das Fahren entlang des Pazifiks, über den Weg, der zählt statt das Ziel, und über das Ende einer Reise, das noch weit weg ist.

Stille Orte — ruhige Geschichten von stillen Orten und Momenten. Jeden Freitag eine neue Episode.

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Transkript anzeigen

00:00:00: Der lange Abschnitt Ich fahre.

00:00:03: Südwärts, von San Francisco zurück, die Nase Richtung Los Angeles, Richtung Flughafen, Richtung Ende dieser Reise.

00:00:11: Aber das ist noch weit,

00:00:12: das ist noch nicht heute.

00:00:14: Heute ist der Highway One.

00:00:16: Die Stadt liegt hinter mir. Die Hügel, die Brücke, der Nebel, der vielleicht da ist und vielleicht nicht. Ein letzter Blick zurück,

00:00:25: dann der Blick auf die Straße, und ich fahre.

00:00:28: Die Stadt wird kleiner, sie löst sich auf in Vororte, in Tankstellen, in Kreuzungen, die weiter auseinanderrücken, und irgendwann ist sie weg.

00:00:38: Was bleibt, ist die Straße und rechts eine Ahnung von Weite, die noch keine Farbe hat.

00:00:44: Den Highway One kennt man aus Filmen. Aus der Werbung, aus diesen Bildern, die Amerika verkauft.

00:00:51: Die Straße an der Küste, die Kurven, das Meer.

00:00:54: Er ist kürzer als man denkt.

00:00:56: Nicht der ganze Highway One, der ist lang, sehr lang,

00:01:00: er läuft die ganze Westküste entlang.

00:01:02: Aber dieser Abschnitt, den ich heute fahre, diese zwanzig Kilometer, die sind kurz.

00:01:09: Ich hätte einen anderen Weg nehmen können, schneller, weiter im Inland.

00:01:23: Ich habe den Highway One genommen, weil ich ihn fahren wollte, weil ich ihn sehen wollte, weil genau das der Grund war. Dieser Abschnitt. Diese Küste. Ich bereue es nicht, und ich werde es nie bereuen, diesen Umweg, diese paar Stunden extra, diesen Wind, dieses Meer.

00:01:32: Noch zu Hause, vor der Reise, habe ich davon gelesen, habe Bilder gesehen. Eine Küstenstraße, die den Pazifik entlangläuft, schmal, manchmal gefährlich, und so schön, dass man vergisst, dass sie gefährlich ist.

00:01:47: Big Sur. Den Namen habe ich gehört, immer im Zusammenhang mit dieser Küste. Ein Land, das schon immer schwer zugänglich war, das sich lange gewehrt hat, gegen Straßen, gegen Erschließung, gegen Menschen, die bleiben wollten.

00:02:03: Die Straße hier ist nicht alt, jedenfalls nicht für eine Straße.

00:02:07: Sie wurde ab den zwanziger Jahren gebaut, und es hat fast zwanzig Jahre gedauert.

00:02:12: Zwanzig Jahre, um diese Küste zugänglich zu machen, diese Klippen, diesen Fels, diese Landschaft, die keine Straße wollte.

00:02:20: Zwanzig Jahre ist eine lange Zeit für zwanzig Kilometer.

00:02:24: Es sagt etwas über den Fels, über das Meer, über die Mühe, hier auch nur einen schmalen Streifen dem Berg abzuringen.

00:02:33: Ich fahre auf dieser Straße, und ich fahre über diese Geschichte, über zwanzig Jahre Arbeit von Menschen, die diese Klippen sprengen mussten, die Tunnel gruben und Brücken bauten.

00:02:44: Sie standen dort, wo ich jetzt bin,

00:02:46: sie kannten diesen Wind, dieses Meer, diese Klippen. Nur dass sie nicht schauten, sondern arbeiteten.

00:02:53: Sie hatten den Wind nicht als Erlebnis, sondern als Widerstand, das Meer nicht als Aussicht, sondern als Tiefe unter den Füßen, als etwas, das keine Fehler verzeiht.

00:03:04: Sie arbeiteten über den Schluchten, über den Bächen, die ins Meer laufen.

00:03:09: Irgendwann fahre ich über eine Brücke und merke es kaum.

00:03:12: Rechts das Meer, links eine Schlucht, ein Bach, der hinunterläuft, und ich bin schon drüber.

00:03:18: So einfach,

00:03:19: so selbstverständlich.

00:03:21: Und für einen Moment denke ich an die Menschen, die sie gebaut haben, mit Werkzeug, mit Sprengstoff, mit diesen Klippen, die keine Straße wollten.

00:03:30: Was für sie Jahre waren, ist für mich eine Sekunde, ein leises Wummern der Reifen über eine Fuge im Beton, und

00:03:38: weg.

00:03:40: Hier beginnt der eigentliche Abschnitt.

00:03:43: Die Straße nimmt mich mit.

00:03:45: Sie nimmt mir das Steuer nicht ab, aber sie nimmt mich mit, auf ihre Art.

00:03:51: Rechts der Pazifik, immer rechts, immer das Meer.

00:03:55: Mal nah, mal direkt unter mir, mal nur ein Aufblitzen zwischen den Felsen, für eine Kurve lang verschwunden und dann wieder da.

00:04:04: Immer wieder da.

00:04:06: Ich warte darauf, auf das Aufblitzen, auf das Blau oder Grau zwischen den Steinen, auf das Wasser, das wieder sichtbar wird.

00:04:15: Es ist ein kleines Spiel, das die Straße mit mir spielt:

00:04:19: sie nimmt mir das Meer, führt mich in eine Kurve hinein, an den Fels, ins Landeinwärts, nur für ein paar Atemzüge, und dann öffnet sie sich wieder,

00:04:30: und da ist es, größer als vorher, als hätte es in der Zwischenzeit gewartet.

00:04:36: Ich weiß, dass es da ist,

00:04:38: ich spüre diese Weite rechts, diese Offenheit, auch wenn ich sie gerade nicht sehe.

00:04:45: Links die Klippen, der Fels, die Berge, die direkt ans Meer stoßen.

00:04:51: Ohne Übergang, ohne Tal dazwischen.

00:04:54: Der Berg endet, das Meer beginnt.

00:04:57: Kein Platz für Städte hier,

00:04:59: kein Platz für Häuser, nur der Fels und die Straße, die sich dazwischenzwängt, schmal, sehr schmal für einen Highway.

00:05:09: Der PT Cruiser fährt langsam. Nicht weil ich müsste, nicht weil ein Schild es sagt, sondern weil ich schauen will, weil ich nicht zu schnell durch diesen Abschnitt will.

00:05:21: Weil ich weiß, dass er aufhört, und weil er noch nicht aufgehört hat.

00:05:27: Zwanzig Kilometer, vielleicht etwas mehr.

00:05:30: Ich habe nachgeschaut, es sind ungefähr zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig,

00:05:35: dann habe ich aufgehört nachzuschauen.

00:05:38: Es spielt keine Rolle. Sie sollen dauern, sie sollen Zeit haben, so viel Zeit, wie dieser Tag hergibt.

00:05:47: Die Straße hat einen Rhythmus, den ich nach ein paar Kilometern in den Armen spüre.

00:05:53: Kurve, ein Stück geradeaus, Kurve, ein Ausblick rechts, Kurve.

00:06:00: Die Straße schmiegt sich an den Fels, als wäre sie immer schon so gewesen, als hätte nicht jemand sie hierhergezwungen, sondern als wäre sie aus dem Berg gewachsen.

00:06:11: Dieser Rhythmus beruhigt. Ich fahre, und der Rhythmus ist da, ich muss nicht nachdenken, muss nicht planen,

00:06:19: ich fahre

00:06:20: einfach.

00:06:21: Der Wagen folgt der Straße, die Straße folgt dem Land, und ich folge beidem.

00:06:29: Das ist selten auf dieser Reise,

00:06:31: diese Ruhe beim Fahren.

00:06:34: In Los Angeles war das Fahren Stress, diese Highways, diese Spurwechsel, diese Geschwindigkeit, dieses ständige Rechnen, wer als Nächstes zieht.

00:06:45: Hier ist es fast eine Meditation.

00:06:48: Kurve, schauen, den Wagen der Straße folgen lassen.

00:06:53: Ich könnte ewig so fahren, denke ich, wenn diese Straße nur nicht aufhören würde, wenn dieser Abschnitt hundert Kilometer hätte, zweihundert.

00:07:04: Aber er hört auf,

00:07:05: er hört immer auf, und das ist kein trauriger Gedanke.

00:07:10: Vielleicht ist es der Grund, warum er so gut ist. Weil ich weiß, dass ich ihn nicht behalten kann.

00:07:18: Das Lenken ist hier anders als auf der Autobahn. Auf der Autobahn ist Lenken Geradeaushalten.

00:07:24: Hier ist es Folgen. Dem Fels folgen, dem Meer folgen, der Kurve folgen.

00:07:32: Ich bin nicht der, der bestimmt, die Straße bestimmt, und ich folge.

00:07:37: Manchmal ist das eine Erleichterung, einfach zu folgen, einfach da zu sein, einfach zu fahren.

00:07:45: Der PT Cruiser macht das gut, auch wenn er breit ist für diese Straße, manchmal zu breit.

00:07:53: Ich fahre an einer Linie vorbei und denke: knapp. Aber er folgt, so wie ich folge.

00:08:01: Die Straße biegt links, biegt rechts, dem Fels nach, dem Meer nach. Ich lenke, ich schaue, ich lenke wieder, dieselbe Bewegung, immer wieder.

00:08:13: Das sind keine Kurven wie auf der Lombard Street, keine Touristenattraktion, nur die Straße, die dem Land folgt, weil sie keinen anderen Weg hat,

00:08:24: weil sie nimmt, was da ist.

00:08:28: Dann ein Parkplatz, klein, ein paar Autos.

00:08:31: Ich halte. Wir steigen aus, und sofort ist der Wind da. Bevor ich ganz ausgestiegen bin, bevor die Tür ganz offen ist, kommt er. Nicht sanft, nicht höflich,

00:08:42: er begrüßt uns nicht, er nimmt uns einfach.

00:08:45: Dieser Wind, der vom Pazifik kommt, über das Wasser, über tausende Kilometer Wasser, keine Stadt, kein Land, nur Wasser,

00:08:53: und dann diese Klippe,

00:08:54: und dann wir.

00:08:55: Wir sind das erste Hindernis, das erste, was dieser Wind trifft, seit tausenden Kilometern.

00:09:02: Wir gehen ein paar Schritte, weg vom Wagen. Das

00:09:05: Gras raschelt leicht,

00:09:07: oder ist es der Wind,

00:09:08: beides vielleicht, beides zusammen. Hin zur Kante, nicht zu nah,

00:09:12: aber nah genug, um das Wasser zu sehen, das fast direkt unter uns liegt.

00:09:17: Das Gras hier ist kurz, fast braun, trocken.

00:09:20: Es ist Juli, das Gras hat die Hitze schon hinter sich, das Wasser hat es nie erreicht.

00:09:26: Das Wasser erreicht hier oben nichts. Nur der Wind erreicht hier oben alles.

00:09:32: Ich schaue über die Kante hinunter.

00:09:34: Es geht steil hinab, keine Böschung, kein Strand, nur Fels

00:09:38: und dann das Wasser, das gegen den Fuß der Klippe schlägt, weiß aufschäumt und wieder abläuft.

00:09:44: Von hier oben sieht es langsam aus, fast lautlos, aber das täuscht, das weiß ich,

00:09:50: es ist die Entfernung, die alles beruhigt.

00:09:53: Etwas in mir tritt einen halben Schritt zurück, von selbst, ohne dass ich es entscheide,

00:09:58: ein alter Instinkt, der die Höhe kennt und ihr nicht traut.

00:10:02: Ich bleibe stehen, wo ich stehe, und lasse den Blick fallen, so weit er fällt, und ziehe ihn wieder herauf. Ich schaue auf meine Schuhe, auf das Gras darunter, und denke: hier stehe ich. Auf dieser Klippe, am Highway One, über dem Pazifik. Merkwürdig ist das zu denken, und gut. Für solche Momente bin ich gereist, für dieses Stehen, für dieses eine Denken: hier stehe ich. Ich stelle mich dem Wind, ich lasse ihn kommen,

00:10:20: und er kommt.

00:10:33: Er nimmt mir die Haare, für einen Augenblick den Atem, ich atme gegen ihn, ich atme mit ihm.

00:10:39: Er kühlt, er drückt, er ist stärker, als ich dachte, stärker als der Wind in Norddeutschland manchmal, obwohl ich Wind kenne, obwohl ich an der Küste aufgewachsen bin, obwohl ich die Nordsee kenne.

00:10:51: Dieser Wind ist anders.

00:10:53: Er hat mehr Weg hinter sich, mehr Wasser, er kommt von weiter, und das spüre ich. Er rauscht in den Ohren, ein tiefes, dauerndes Rauschen, das alle anderen Geräusche unter sich begräbt,

00:11:05: das Rauschen der Wellen, das Rascheln des Grases, den eigenen Atem.

00:11:09: Er riecht nach Salz, nach Weite, nach etwas, das ich nicht benennen kann und das einfach Ozean ist, das

00:11:16: zu diesem Ort gehört wie die Klippen dazugehören.

00:11:19: Und auf den Lippen, wenn ich sie mit der Zunge berühre, liegt schon das Salz, obwohl das Wasser hundert Meter unter mir ist.

00:11:27: Der Wind trägt es herauf, feinen Gischtstaub, den man nicht sieht und doch schmeckt.

00:11:34: Meine Frau steht neben mir und lässt den Wind auch kommen. Wir schauen uns an.

00:11:38: Wir sagen nichts. Was soll man sagen.

00:11:41: Der Wind sagt genug.

00:11:45: Ich denke an die Nordsee, an die Schlei, an die Morgen, an denen ich dort gelaufen bin, an den Wind, den ich kenne.

00:11:52: Dieser Wind hier ist verwandt, nicht derselbe, aber verwandt.

00:11:56: Beide kommen vom Wasser,

00:11:58: beide tragen dieses Salz, diese Frische, die man nicht kaufen kann, die man nur hat, wenn man am Wasser steht.

00:12:05: Aber der Pazifik ist größer,

00:12:07: das spüre ich,

00:12:08: ich spüre die Größe.

00:12:10: Die Nordsee ist fast ein Binnenmeer, ein See, verglichen mit diesem.

00:12:14: Der Pazifik hat kein anderes Ufer in Sichtweite, kein anderes Ufer in Gedankenweite.

00:12:21: Er geht einfach, und geht, und geht.

00:12:25: Ich stehe zwischen zwei Welten. Dem Wind, den ich kenne, und dem Meer, das ich nicht kenne und nie ganz kennen werde.

00:12:33: Und das ist in Ordnung,

00:12:34: das ist mehr als in Ordnung.

00:12:37: Ich schaue auf das Meer, auf diese Farbe.

00:12:40: Nicht das Blau der Postkarten, nicht das Blau, das ich erwartet hatte, nicht das Türkis der Südsee, nicht das helle Blau des Mittelmeers. Tiefer, grüner, kälter in der Farbe, als wäre dieses Wasser schwerer als anderes Wasser, als trüge es mehr.

00:12:59: Ein Pazifik, der anders ist, als ich dachte, dunkel, der nicht einlädt, der nicht sagt: komm, das Wasser ist warm.

00:13:07: Der einfach da ist, in seiner ganzen Größe, in seiner ganzen Tiefe, in seiner ganzen Gleichgültigkeit. Und das ist es, was mich hält, nicht die Schönheit, sondern diese Gleichgültigkeit.

00:13:21: Dieses Wasser braucht mich nicht.

00:13:23: Es hat nicht auf mich gewartet, es wird mir nicht nachtrauern.

00:13:27: Es war da, lange bevor jemand einen Namen dafür hatte, und es wird da sein, lange danach.

00:13:34: Ich schaue auf dieses Meer und verstehe, was Größe bedeutet.

00:13:39: Nicht Höhe, nicht Schönheit. Größe. Diese Fläche, die kein Ende hat, dieser Horizont, hinter dem noch mehr Wasser ist, und noch mehr, bis Japan, bis zur anderen Seite der Welt.

00:13:53: Man kann es nicht denken, nicht wirklich, man kann nur davorstehen und es zulassen.

00:14:00: Die Wellen höre ich mehr, als ich sie sehe.

00:14:03: Von hier oben sehe ich sie kommen, sehe sie brechen, aber ich höre das Brechen erst später, weil der Schall Zeit braucht, weil das Bild schneller ist als der Ton.

00:14:14: Ich schaue auf eine Welle, sehe sie brechen, warte, und dann kommt das Rauschen, diese Sekunde danach.

00:14:22: Merkwürdig ist das, und schön.

00:14:25: Bild und Ton, die nicht zusammenpassen und trotzdem zusammengehören. Rauschen

00:14:31: kenne ich, Meer habe ich schon gehört, die Nordsee, die Ostsee, die Schlei.

00:14:36: Aber das hier ist anders, lauter vielleicht, oder nur anders.

00:14:41: Dieser Pazifik hat mehr Atem, mehr Raum, mehr Wasser dahinter.

00:14:46: Es ist kein einzelnes Geräusch, es sind viele auf einmal,

00:14:50: viele Wellen, viele Brecher, die übereinanderlaufen, sich mischen, ein einziges großes Rauschen werden, das nie aufhört, das immer da ist, das ich schon höre, wenn ich noch im Auto sitze, durch das Glas, gedämpft, aber da. Und darunter, wenn ich genau hinhöre, ein tieferer Ton, kein Rauschen mehr, eher ein Schlagen,

00:15:13: ein dumpfes Anschlagen, wenn eine große Welle in eine Höhle im Fels fährt und die Luft darin zusammenpresst. Ein

00:15:21: Ton, den man mehr im Bauch spürt als im Ohr.

00:15:25: Ein Rauschen, das seit Jahrmillionen so ist und so sein wird.

00:15:31: Dann die Pflanzen.

00:15:32: Ich schaue auf das, was hier wächst, was gelernt hat, hier zu wachsen, weil es keine andere Wahl hatte.

00:15:39: Sie sind klein, klein und gedrängt,

00:15:42: als würden sie sich festhalten, als wüssten sie, was kommt.

00:15:46: Der Wind, immer dieser Wind.

00:15:49: Sie haben sich angepasst, nicht bewusst, nicht mit einem Plan, sondern weil die, die es nicht taten, nicht überlebten.

00:15:57: Weil die, die zu hoch wuchsen, umbrachen, weil die, die zu weich waren, vertrockneten, weil nur die blieben, die gelernt hatten, oder die es schon

00:16:06: wussten.

00:16:08: Sie wachsen nicht hoch, sie wachsen breit, nah am Boden, wo der Wind schwächer ist, wo die Feuchtigkeit länger bleibt, wo man sicherer ist.

00:16:17: Manche legen sich flach in Mulden, in den Windschatten eines Steins, und wachsen um ihn herum, als hätten sie sich mit ihm verbündet.

00:16:27: Diese Anpassung ist so vollständig, so still.

00:16:31: Die Pflanzen wissen nicht, dass sie angepasst sind, sie wachsen einfach, so wie sie wachsen, weil das ihr Ort ist, ihr Wind, ihr Meer.

00:16:41: Manche haben silbrige Blätter, die das Licht zurückwerfen, die das Salz abhalten, dick und ledrig, mit einer feinen Behaarung, die man erst sieht, wenn man ganz nah herangeht,

00:16:53: ein Pelz gegen den Wind, gemacht für diesen Ort, für diese Küste, für diesen Wind.

00:17:00: Ich knie mich hin und schaue genauer.

00:17:02: Da sind kleine Blüten, Farben, die ich nicht erwartet habe,

00:17:06: Lila, Gelb, Weiß, mitten in dieser rauen Landschaft, mitten in diesem Wind.

00:17:11: So klein, dass man sie übersieht, wenn man steht, so klein, dass sie nur der findet, der sich bückt.

00:17:17: Farben, die einfach da sind, die niemanden fragen, die nicht für mich blühen und nicht für den Wind,

00:17:23: die einfach blühen, weil es ihre Zeit ist, weil es ihr Ort ist.

00:17:28: Ich stehe wieder auf, ein wenig steif,

00:17:30: der Wind drückt weiter, ich lehne mich leicht dagegen, und der Körper findet das Gleichgewicht von selbst,

00:17:36: dieses leichte Schräghalten, das man nach einer Weile nicht mehr merkt.

00:17:41: Dann steige ich wieder ein.

00:17:42: Der Wagen ist windstill, diese plötzliche Stille, diese Windlosigkeit, dieses abrupte Verstummen, als hätte jemand einen Regler

00:17:51: heruntergezogen.

00:17:52: Meine Ohren rauschen noch nach,

00:17:54: sie brauchen einen Moment, bis sie begreifen, dass der Wind weg ist.

00:17:58: Ich höre das Rauschen des Meeres noch, schwächer, durch das Glas, gedämpft, aber noch da.

00:18:04: Ich fahre weiter,

00:18:06: die Straße nimmt mich wieder.

00:18:07: Kurve, ein bisschen geradeaus, Kurve, Meer rechts, Fels links. Der zweite Halt, ein kleiner Parkplatz, kaum Platz. Ich parke, wir steigen aus, und wieder ist der

00:18:20: Wind da. Derselbe Wind, oder ein anderer, ich weiß es nicht.

00:18:25: Er kommt aus derselben Richtung, riecht nach demselben Meer, und ist trotzdem anders, weil ich anders bin, weil der erste Halt noch in mir ist.

00:18:34: Wir gehen näher an die Kante, nicht zu nah, meine Frau sagt: nicht zu nah, und ich gehe nicht zu nah,

00:18:41: aber näher.

00:18:42: Ich schaue hinunter, auf das Wasser, auf diese Entfernung,

00:18:46: diese Tiefe, auf die Wellen, die ankommen, brechen, zurückfließen und wiederkommen, immer.

00:18:53: Ich zähle eine Welle, vom Horizont bis zum Brechen, und verliere sie,

00:18:58: sie taucht unter, oder sie war nie da, oder ich schaue auf die falsche. Ich zähle eine andere und verliere sie auch.

00:19:05: Dann höre ich auf zu zählen,

00:19:07: das Zählen hilft nicht,

00:19:09: das Zählen ist nicht der Punkt.

00:19:11: Der Punkt ist das Schauen. Ich schaue einfach.

00:19:15: Meine Frau steht neben mir und schaut auch.

00:19:18: Wir brauchen nichts zu sagen, nichts zu erklären. Wir sind hier, und das ist genug, das ist mehr als genug.

00:19:27: Der Wind nimmt zu, oder ich merke ihn mehr.

00:19:30: Ich ziehe die Jacke enger, im Juli, an der Küste Kaliforniens, und hätte das nicht gedacht.

00:19:36: Aber es gehört dazu, zu dieser Küste, zu diesem Abschnitt.

00:19:40: Irgendwann wieder ein Parkplatz, kleiner diesmal, nur Platz für zwei Autos, und ich halte. Dieselbe

00:19:46: Prozedur, und doch nicht dieselbe, jedes Mal anders, weil der Wind anders weht, weil das Licht anders fällt, weil ich anders schaue, weil das letzte Mal schon war und bleibt. Ein dritter Halt, ich weiß es nicht mehr genau,

00:20:03: vielleicht der dritte, vielleicht der vierte, ich zähle nicht mehr.

00:20:06: Ich halte an, wenn es möglich ist, wenn ein Parkplatz da ist, wenn die Straße es erlaubt. Diesmal

00:20:11: ist es ein größerer Platz,

00:20:13: andere Menschen, ein Paar mit einem Hund. Der Hund rennt gegen den Wind, er bellt ihn an, und der Wind interessiert sich nicht dafür. Der Hund auch nicht,

00:20:22: er bellt weiter.

00:20:23: Ich schaue dem Hund zu, dann der Frau, die dem Hund zuschaut und lacht.

00:20:28: Ich stehe am Rand, im Wind, und diesmal bin ich vertrauter mit ihm. Ich kenne ihn schon, ich habe ihn schon, ich begrüße ihn fast. Dasselbe Meer, aber an dieser Stelle anders, eine Bucht vielleicht, ein Bogen im Fels, das Wasser ruhiger hier, weniger Wellen, mehr Blau, weniger Grau. Ich zeige es meiner Frau, zeige auf die Bucht, sie schaut, sie nickt. Mehr braucht es nicht.

00:20:53: So geht dieser Abschnitt, diese zwanzig Kilometer.

00:20:56: Ich fahre und halte an und fahre und halte an. Nicht schnell, nicht durch, sondern so, mit Pausen, mit diesen Momenten, wo wir aussteigen, wo der Wind uns empfängt, wo das Meer da ist. Und die Klippen. Klippen

00:21:11: habe ich gesehen, die Kreidefelsen auf Rügen, die Küste in Dänemark,

00:21:16: aber diese hier sind anders, rauer, dunkler, unzugänglicher.

00:21:20: Sie wurden nicht von ruhigem Wasser geformt, sondern von diesem Pazifik,

00:21:24: von diesen Wellen, die ankommen und ankommen und ankommen, die nie aufhören, keine Pause machen, keine Nacht kennen, keinen Winter, die einfach kommen.

00:21:34: Ich sehe es in den Formen, die Höhlen, die das Wasser gegraben hat,

00:21:37: die Bögen, die es hinterlassen hat, die freistehenden Felsnadeln draußen im Wasser, die einmal Teil der Küste waren und jetzt allein stehen, abgeschnitten, umspült, Reste von etwas, das das Meer bereits geholt hat.

00:21:51: Formen, die kein Bildhauer gemacht hat,

00:21:53: nur das Wasser, nur die Zeit, nur dieser Pazifik.

00:21:58: Irgendwann werden diese Klippen nicht mehr da sein.

00:22:01: Das Wasser hört nicht auf, es wird weiterarbeiten,

00:22:03: wenn ich nicht mehr da bin, wenn niemand mehr da ist, der schaut.

00:22:07: Es wird weiterarbeiten.

00:22:08: Das ist kein trauriger Gedanke, das ist ein ruhiger Gedanke.

00:22:13: Von oben schaue ich auf sie, auf diese senkrechten Felsen, diese Abbrüche, das Meer darunter, das dagegen drückt, immer dagegen drückt, das den Fels formt, langsam, sehr langsam, über Jahrtausende.

00:22:26: Ich stehe und schaue und verstehe, was Zeit bedeutet.

00:22:30: Nicht mit dem Kopf, mit den Augen.

00:22:32: Die Farben des Felsens, Grau, Braun, manchmal ein Ockergelb, Streifen, die die Geschichte zeigen, verschiedene Zeiten, verschiedene Sedimente, verschiedene Jahrmillionen, übereinandergestapelt.

00:22:44: Jede Linie im Fels war einmal ein Boden, eine Oberfläche, ganz oben, dem Himmel zugewandt, und jetzt liegt sie eingeklemmt zwischen anderen, begraben unter dem, was danach kam.

00:22:55: Ich lese sie von unten nach oben, wie man eine Seite liest, ohne die Sprache zu können,

00:23:00: ohne sie zu verstehen,

00:23:02: aber ich lese

00:23:03: sie.

00:23:05: Dann der Vogel. Ich weiß nicht, was es ist, ein Greifvogel vielleicht, groß, mit großen Flügeln. Er sitzt auf dem Vorsprung und schaut aufs Meer. Er schaut nicht auf die Straße, nicht auf den Menschen, der da steht, er schaut aufs Meer.

00:23:14: Er sieht es anders als ich, er sieht es von oben,

00:23:23: sieht die Fische darin, sieht, was sich bewegt, was sich versteckt, was auftaucht.

00:23:29: Für ihn ist das Meer Speisekammer, Arbeitsplatz, Heimat, das, wofür er gemacht ist.

00:23:35: Ich bin nicht dafür gemacht.

00:23:37: Ich bin Besucher,

00:23:38: ich komme und schaue und gehe wieder.

00:23:42: Für ihn ist diese Klippe zuhause,

00:23:44: dieser Wind sein Wind, dieser Abschnitt sein Abschnitt.

00:23:48: Er lehnt sich in den Wind, den ich kaum stehend aushalte, mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre der Wind nicht Widerstand, sondern Untergrund, etwas, worauf man sich legen kann.

00:24:00: Ich bin der Gast hier, der Fremde.

00:24:03: Ich schaue und gehe wieder, er bleibt.

00:24:06: Er sitzt auf seinem Vorsprung und wartet, und er ist nicht ungeduldig, er kennt das Warten, er ist für das Warten gemacht. Ich schaue ihn an, er schaut nicht zurück.

00:24:16: Ich gehe. Er bleibt.

00:24:21: Manchmal kommt der Nebel. Nicht der Nebel von San Francisco,

00:24:25: ein anderer, dieser Küstennebel, der vom Meer kommt, der über die Klippen zieht, der die Aussicht nimmt und gibt. Wenn er da ist, sehe ich das Meer nicht,

00:24:35: ich höre es,

00:24:36: ich rieche es, aber ich sehe es nicht,

00:24:39: ich sehe nur Grau, dieses weiche Grau, das alles dämpft, alles ruhiger macht, als wäre die Küste schon schläfrig, als würde sie sich vorbereiten.

00:24:49: Heute ist kein Nebel, oder wenig, nur ein paar Fetzen, die über die Klippen ziehen wie Gedanken, die kommen und gehen, ohne zu bleiben, wie alles hier.

00:24:59: Sie nehmen die Sicht für einen Moment und geben sie zurück, nehmen und geben.

00:25:05: Das Licht. An der Küste ist das Licht anders, das habe ich in San Francisco gelernt, dieses Licht, das schräg fällt, das Schatten macht, die sich bewegen.

00:25:14: Hier ist es noch einmal anders,

00:25:16: hier gibt es keine Häuser, die das Licht teilen, keine Hügel, die Schatten werfen, nur das Meer und den Himmel und das Licht dazwischen.

00:25:25: Wolken heute, nicht viele, aber genug, um das Licht zu brechen,

00:25:30: Wolken, die das Sonnenlicht filtern, es weicher machen, die Schatten mildern.

00:25:35: Das Licht liegt nicht auf dem Wasser, es liegt darin,

00:25:38: es scheint von unten zu kommen, als hätte das Meer selbst eine Helligkeit, die es zurückhält und nur manchmal, für einen Moment, hergibt.

00:25:48: Wenn die Sonne durch eine Lücke kommt, für einen Moment, dann ändert sich das Meer. Es leuchtet,

00:25:54: dieses kurze Leuchten, diese Sekunde, in der das Wasser aufhört, dunkel zu sein, in der es golden wird, oder silbern.

00:26:02: Nicht überall, nur dort, wo die Lücke in den Wolken hinzeigt, ein wandernder heller Fleck auf der dunklen Fläche, der über das Wasser zieht,

00:26:11: so schnell, wie die Wolke zieht.

00:26:13: Ich schaue, die Sekunde vergeht, die Wolke schließt sich, das Meer ist wieder dunkel.

00:26:18: Ich warte auf die nächste Lücke,

00:26:20: sie kommt, sie geht, und ich fahre weiter.

00:26:23: Die Straße wird wieder enger, eine Kurve, die ich nicht ganz sehe, ich fahre langsamer, die Kurve öffnet sich, und ein Ausblick, den ich nicht erwartet habe:

00:26:33: das Meer in seiner ganzen Breite, dieser Horizont, gerade, absolut gerade, als hätte jemand eine Linie gezogen zwischen Wasser und Himmel.

00:26:43: Der Himmel heute bewölkt, das Wasser dunkel, und die Linie trotzdem.

00:26:51: Irgendwann, nach den letzten Halten, schläft meine Frau ein. Sie lehnt den Kopf ans Fenster, sie schaut nicht mehr,

00:26:58: sie ruht. Und ich fahre den Rest allein durch diesen Abschnitt, allein mit der Straße.

00:27:03: Das passiert selten auf dieser Reise,

00:27:05: die meiste Zeit sind wir zwei,

00:27:07: zwei, die schauen, die reden, die entscheiden, wohin, wann, wie lange.

00:27:12: Jetzt bin nur ich da, und der Highway One, und der Pazifik, der immer rechts ist, der mir nicht zuschaut, der mich nicht beachtet, der einfach da ist.

00:27:22: Und ich merke, dass das Alleinsein hier kein Alleinsein ist,

00:27:26: nicht das schmerzhafte, sondern das andere, das ruhige, weil sie ja da ist, einen Atemzug entfernt, schlafend, und weil das Meer da ist, und weil man nicht allein ist, solange etwas atmet neben einem und etwas rauscht neben einem.

00:27:43: Ich fahre und denke, nicht an etwas Bestimmtes.

00:27:46: Der Kopf macht, was er macht, wenn man fährt, er wandert, er springt, er kommt zurück, er wandert wieder, und ich lasse ihn, ich halte ihn nicht.

00:27:54: Ich lenke den Wagen, den Kopf lasse ich.

00:27:57: Irgendwann denke ich an nichts.

00:27:59: Das kommt manchmal beim Fahren, dieser Zustand, wo man fährt und der Kopf leer ist,

00:28:04: nicht leer wie erschöpft, leer wie frei.

00:28:07: Das kenne ich vom Laufen, von diesem Moment auf dem Rückweg,

00:28:11: und hier kommt er auch, auf diesem Abschnitt, auf dieser Straße, mit dem Meer rechts.

00:28:17: Das ist ein Geschenk.

00:28:19: Dieser Abschnitt hat keinen Plan.

00:28:22: Ich fahre, ich halte an, wenn ich will, ich fahre weiter, wenn ich will. Niemand erwartet mich, niemand wartet.

00:28:29: Das ist selten,

00:28:30: dieses Gefühl, diese Strecke ohne Verpflichtung, diese Stunden, die mir gehören, vollständig.

00:28:36: Auf dieser Reise habe ich viel geplant,

00:28:38: Universal Studios, Death Valley, Las Vegas, Alcatraz, alles geplant, alles organisiert, alles zu einer festen Zeit an einem festen Ort.

00:28:48: Dieser Abschnitt ist anders.

00:28:50: Ich fahre, ich sehe, ich halte an, ich schaue, ich fahre weiter.

00:28:55: Das ist der Plan, und kein Plan, und das ist das Richtige.

00:29:00: Es gibt keine Dörfer hier, keine Tankstellen, keine Restaurants, keinen Supermarkt, kein Hotel,

00:29:06: nichts, das Menschen brauchen, nichts, das Menschen dorthin zieht.

00:29:10: Hier ist die Küste, der Fels, das Meer, und das genügt,

00:29:14: das genügt vollständig,

00:29:16: für eine Küste, für diesen Abschnitt, für diese Art von Ort.

00:29:20: Nur diese Straße und das Meer und die Klippen, und ab und zu ein Parkplatz, und ein Paar, das aussteigt, das den Wind lässt, das aufs Meer schaut, das sich vielleicht anschaut, das nichts sagt, das wieder einsteigt und weiterfährt. So wie alle weiterfahren, auf dieser Straße, alle in dieselbe Richtung, alle mit demselben Meer rechts.

00:29:43: Dann ist der Abschnitt vorbei.

00:29:45: Ich weiß es, bevor ein Schild es sagt, ich spüre es. Die Straße wird breiter, ein zweiter Fahrstreifen, andere Autos, die schneller fahren, irgendwo eine Tankstelle, ein Schild.

00:29:57: Der Verkehr nimmt zu, andere Straßen kommen dazu, und ich bin wieder in einer Welt, die mehr Menschen hat.

00:30:04: Ich bin durch.

00:30:05: Diese zwanzig Kilometer, diese Pausen, dieser Wind, dieses Meer. Ich bin durch.

00:30:12: Ich schaue zurück, durch das Heckfenster, auf die Straße, die ich gefahren bin.

00:30:16: Sie verschwindet in einer Kurve, ich sehe die Kurve, aber ich sehe nicht, was dahinter ist.

00:30:22: Das Meer ist weg, die Klippen sind weg,

00:30:24: nur die Straße, die sich in eine Kurve schmiegt und dann weg ist.

00:30:29: Meine Frau schläft noch,

00:30:30: sie sieht dieses Ende nicht, dieses Verlassen des Abschnitts. So ist das.

00:30:36: Aber sie war dabei,

00:30:37: sie war in den Pausen dabei, sie hat den Wind gespürt, sie hat das Meer gesehen. Das ist genug, mehr als genug.

00:30:46: Ich schaue in den Rückspiegel, auf die Straße hinter mir, und sie sieht aus wie jede andere Straße.

00:30:52: Das Meer sehe ich nicht mehr, die Klippen sehe ich nicht mehr, nur die Straße.

00:30:57: Aber ich war da.

00:30:58: Ich habe diese zwanzig Kilometer gehabt, diese Pausen, diesen Wind, diese Vegetation, dieses Meer, diese Stille, die trotz des Windes eine Stille war.

00:31:10: Dann wacht meine Frau auf.

00:31:12: Sie schaut aus dem Fenster und sieht eine normale Straße,

00:31:15: sie schaut nach hinten, als könnte man die Küste noch sehen, aber die Klippen sind weg, nur Straße. Sie fragt: wo sind wir. Ich sage: wir sind durch. Sie fragt: war es schön. Ich sage: ja. Sie nickt, dreht sich wieder nach vorne, schaut auf die Straße, als wäre die Frage damit beantwortet. Nicht mehr, und das ist genug. Ja, es war schön.

00:31:35: Das ist die Antwort, das war immer die Antwort.

00:31:42: Nicht:

00:31:42: es war spektakulär.

00:31:44: Nicht: so etwas habe ich noch nie gesehen.

00:31:47: Nur: ja, es war schön. Das fasst es zusammen, diesen Abschnitt, diesen Wind, dieses Meer, diese Pausen, dieses Fahren.

00:31:55: Ja. Es war schön.

00:31:58: Diese Reise ist fast vorbei.

00:32:00: Ich fahre nach Los Angeles, ich fliege nach Hause, ich weiß es, aber ich spüre es noch nicht. Noch ein paar Tage, noch ein paar Nächte in amerikanischen Motels, noch ein paar Frühstücke mit Donuts und Pulverkaffee, noch ein paar Straßen, die ich noch nicht kenne. Und dann der Flughafen, und dann das Flugzeug, und dann Deutschland. Aber das ist später.

00:32:15: Noch klingt der Highway One nach, im Kopf, im Körper,

00:32:25: diese Küste, dieser Wind, dieser Pazifik, diese Klippen, diese Pflanzen, die sich festhalten.

00:32:33: Ich werde mich erinnern, das weiß ich jetzt schon. Nicht an alles von dieser Reise, aber an das: an diesen Abschnitt, an diesen Wind, an diese zwanzig Kilometer. Nicht weil sie die schönsten waren. Vielleicht waren sie das, vielleicht nicht,

00:32:47: das ist nicht die Frage.

00:32:48: Die Frage ist nicht, was am schönsten war, nicht, was am meisten beeindruckt hat, solche Fragen helfen nicht, sie vergleichen, was nicht vergleichbar ist. Sondern weil es so war, wie es war. Weil ich angehalten habe, weil wir ausgestiegen sind, weil wir den Wind gelassen haben, weil wir aufs Meer geschaut haben, weil wir die kleinen Pflanzen angeschaut haben, die sich festhalten, im Wind. Weil wir zu zweit still an einer Kante standen, am Anfang von etwas, und nichts sagen mussten.

00:33:18: Später, in dieser Nacht, in irgendeinem Motel, schlafe ich. Draußen ist irgendwo der Pazifik,

00:33:25: er hört nicht auf, er macht weiter, er macht immer weiter.

00:33:28: Die Wellen kommen,

00:33:29: sie kommen immer, heute Nacht, morgen Nacht, in zwanzig Jahren, in hundert.

00:33:34: Sie kommen einfach.

00:33:37: Die Klippen stehen. Der Wind weht. Und die kleinen Pflanzen halten sich, nah am Boden, im Wind, immer im Wind.

00:33:44: Sie halten sich, seit Jahrzehnten, seit Jahrhunderten vielleicht, dieselben Pflanzen, oder ihre Nachkommen, irgendwie dieselben. Dieselbe Wurzel, dieselbe Stelle, derselbe Wind, immer derselbe Wind. Und sie halten sich.

00:33:59: Der lange Abschnitt ist noch da, die zwanzig Kilometer, die Parkplätze, der Wind, das Rauschen.

00:34:05: Wir waren da. Ich habe angehalten, so oft ich konnte,

00:34:08: wir haben den Wind gelassen, wir haben das Meer angeschaut,

00:34:12: wir haben die Pflanzen angeschaut, wir haben uns angeschaut.

00:34:15: Wir haben nichts gesagt, weil es nichts zu sagen gab, weil der Wind gesprochen hat. Das

00:34:20: bleibt.

00:34:22: Der lange Abschnitt bleibt. Dieser Wind bleibt. Dieses Meer bleibt. Und diese Pflanzen, die sich festhalten. Sie bleiben

00:34:29: alle.

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