Die Nacht gehört dem Wind — Hörgeschichte für Erwachsene zum Entspannen
Shownotes
Eine ruhige Geschichte für die Nacht. Stille Orte — erzählte Geschichten von stillen Orten und Momenten.
🌐 Alle Folgen: https://stilleorte.de — ohne Werbung, kostenlos.
Transkript anzeigen
00:00:00: Stille Orte, eine Hörgeschichte.
00:00:03: Die Nacht gehört im Wind.
00:00:07: Es ist kurz nach halb zehn.
00:00:10: Die Stadt macht das was kleine Städte abends machen sie werden still nicht auf einmal sondern langsam wie ein Atemzug der sich vertieft.
00:00:19: erst die Autos dann die Stimmen Dann die Schritte auf dem Pflaster und irgendwann bleibt nur noch das übrig was immer da war Das leise Summen der Welt dass man tagsüber nicht hört.
00:00:32: Irgendwo schließt jemand ein Fenster, eine Tür fällt ins Schloss und dann ist da nur noch der Wind.
00:00:39: Er kommt heute von Westen – das merkt man an dem Geruch ein bisschen Salz, ein bisschen Weite, etwas was man nicht benennen kann aber sofort erkennt.
00:00:50: Er isst älter als die Stadt, er war hier bevor das erste Haus stand, bevor der erste Stein gelegt wurde, bevor irgendjemand auf die Idee kam dass man hier leben könnte.
00:01:01: Er hat alles gesehen, was seitdem passiert ist und er erinnert sich an nichts davon.
00:01:06: Das ist das Privileg des Windes.
00:01:08: Er trägt keine Last – er weht!
00:01:11: Das isst Alles.
00:01:13: Und trotzdem läuft er durch die Gassen wie jemand der den Weg kennt.
00:01:18: Er biegt um Ecken, die er schon tausendmal genommen hat.
00:01:21: Er kennt jeden Stein hier, jeden Hof, jede Mauer, jeden alten Turpfosten, der noch aus einer anderen Zeit stammt.
00:01:30: Er bewegt die Blätter der alten Linde auf dem Marktplatz, ganz leicht nur als würde er fragen ob noch jemand wach ist.
00:01:38: Ein Mann geht über den Platz.
00:01:41: Er trägt eine dunkle Jacke und hat die Hände in den Taschen.
00:01:44: Er ist auf dem Weg nach Hause so wie an jedem Abend und er kennt die Strecke so gut dass er sie nicht mehr denken muss.
00:01:53: Dann bleibt er stehen!
00:01:55: Er weiß nicht genau warum – er schaut nach oben in die Blätter.
00:02:00: Eine Sekunde nur, vielleicht zwei.
00:02:03: Irgendetwas an dem Geräusch hat ihn angehalten und er könnte nicht sagen was.
00:02:09: Dann geht der weiter.
00:02:10: Seine Schritte werden leiser Und dann sind sie weg.
00:02:14: Die Linde rauscht weiter.
00:02:17: Sie steht seit über hundert Jahren auf diesem Platz.
00:02:20: Sie hat Pferdewagen gesehen und Motorräder Trauertage und feste, ungewöhnliche Dienstage die niemand mehr erinnert.
00:02:30: Ihre Wurzeln gehen tief – tiefer als jede Straße, tiefer also jedes Fundament!
00:02:36: Sie hat Kriege überstanden weil sie sich beugt wenn der Sturm kommt.
00:02:40: das ist ihr Geheimnis nicht Widerstand nachgeben.
00:02:45: Jetzt steht sie einfach da im Wind in der Nacht.
00:02:49: ihre Blätter bewegen sich jedes einzeln jedes in seinem eigenen kleinen Rhythmus.
00:02:55: Zusammen klingen sie wie Regen, obwohl es nicht regnet – ein weiches gleichmäßiges Rauschen das sich ausbreitet wie Wasser.
00:03:04: In der Bäckerei in der Nebenstraße brennt noch Licht.
00:03:08: Ein warmer gelblicher Schein, der auf das Kopfsteinpflaster fällt und dort einen langen Streifen zieht.
00:03:15: Von weitem sieht es aus wie eine Einladung!
00:03:18: Der Mann, der dort arbeitet heißt Klaus.
00:03:21: Er ist dreifünfzig Jahre alt und seit dreiundzwanzig Jahren Bäcker Immer in dieser Stadt, immer in dieser Bäckerei.
00:03:28: Er hat sie von seinem Vater übernommen der Sie von seinem Vater übernomen hatte.
00:03:33: die Öfen sind dieselben Die Holzregale sind dieselb Der Geruch ist derselbe Mehl und Hefe Und etwas Warmes das sich in den Wänden festgesetzt hat Über all die Jahre.
00:03:46: Nur die Welt draußen hat sich verändert.
00:03:49: Als Kind hat Klaus im Zimmer über der Backstube geschlafen.
00:03:53: Wenn er nicht einschlafen konnte, hatte sich auf die Knie gestellt und aus dem Fenster geschaut hinunter auf den Lichtstreifen der auf dem Pflaster lag.
00:04:01: Solange der Streifen da war, war unten sein Vater.
00:04:05: dann konnte nichts passieren.
00:04:07: Er hat nie darüber nachgedacht ob er den Laden übernehmen will.
00:04:11: Es war einfach klar wie es klar ist dass man morgens aufsteht.
00:04:17: Klaus kennt den Rhythmus der Nacht besser als die meisten Menschen, den Rytmus des Tages.
00:04:22: Er weiß wie sich die Stille um zwei Uhr morgens anfühlt – anders als die Stlle um Mitternacht, anders als Die Stille kurz vor dem Morgengrauen.
00:04:30: Er weiss wann die ersten Vögel anfangen, er weiß wann das Licht sich verändert von schwarz zu tiefem Blau bevor es irgendwann grau wird.
00:04:40: Gerade knietet er Teig.
00:04:43: Seine Hände bewegen sich gleichmäßig vor und zurück Vor und zurück.
00:04:48: Der Teig gibt Nach- und Feder zurück, das Mehl liegt weiß auf dem duglen Holztisch.
00:04:53: die einzige Lampe über ihm wirft einen warmen Kreis ins Dunkel.
00:04:58: Alles außerhalb dieses Kreises existiert für ihn gerade.
00:05:01: nicht nur der Tisch, nur der Teig, nur die Hände die ihre Arbeit kennen.
00:05:08: Er denkt an nichts Besonderes.
00:05:10: Das ist das Schöne an dieser Arbeit Die Hände wissen was sie tun.
00:05:14: Sie brauchen keine Anweisungen mehr.
00:05:16: Der Kopf darf
00:05:17: ruhen.".
00:05:18: Manchmal denkt Klaus, dass das der größte Luxus ist den erkennt – nicht Urlaub, nicht Schlaf, sondern diese Stunden hier in denen der Körper arbeitet und der Geist einfach treibt.
00:05:31: Draußen streicht der Wind an der Fensterscheibe entlang.
00:05:35: Klaus schaut kurz auf.
00:05:37: Er sieht sein eigenes Spiegelbild im Glas einen müden Mann mit Mehl an den Unterarmen.
00:05:42: Dann schaut er wieder auf den Teig.
00:05:44: Er summt dabei, kein Lied das man kennen würde nur ein Ton auf und ab der Rhythmus seiner Hände.
00:05:51: Vor und zurück vor und zurück.
00:05:55: Die Nacht gehört ihm und er gehört ihr.
00:05:59: Drei Straßen weiter sitzt eine Frau auf ihrem Balkon.
00:06:04: Sie heißt Margarete aber alle sagen Greta.
00:06:07: Das haben sie immer schon getan seit sie klein war.
00:06:10: Sie ist zweiundsechzig Jahre alt und schläft seit dem Frühling schlecht.
00:06:14: Nicht immer, nicht jede Nacht aber oft genug das sie aufgehört hat dagegen anzukämpfen.
00:06:20: Das stört sie weniger als man denken würde Denn Greta kennt die Nacht!
00:06:26: Sie hat vierzig Jahre in ihr gearbeitet.
00:06:29: Krankenhaus Dritter Stock meistens Nachtdienst.
00:06:33: Sie könnte den Flur heute noch abgehen mit geschlossenen Augen Achtzehn Schritte vom Stützpunkt bis zur ersten Tür Das leise quitschen ihrer Schuhe auf dem Linolium immer an derselben Stelle, weil dort der Boden ein bisschen uneben war.
00:06:47: Das Summen der Kühlung im Vorratsraum – Der Kaffee, der um vier Uhr immer zu stark war, weil ihn um vier Uhr jemand anders gekocht hatte Und über allem dieses gedämpfte warme Licht das niemand angeschaltet hatte, weil es einfach immer an war.
00:07:05: Ihre Arbeit waren nicht die Handgriffe gewesen Die kamen von allein so wie bei Klaus der Teig.
00:07:11: Ihre Arbeit war, wach zu sein damit die anderen es nicht sein mussten.
00:07:15: Da sein, nachschauen eine Decke hochziehen nichts sagen wenn nix zu sagen war.
00:07:22: Im Frühling ist sie in Rente gegangen.
00:07:25: Es gab einen Kuchen und eine Karte auf der zu viele Leute unterschrieben hatten Und sie hat sich gefreut wirklich gefreud.
00:07:33: Sie war müde geworden.
00:07:34: Es war Zeit Nur wacht sie seitdem trotzdem auf halb drei, manchmal viertel nach drei und liegt dann da und hört in die Wohnung hinein ob irgendwo etwas ist.
00:07:46: Es ist nie etwas.
00:07:47: es wird auch nie wieder etwas sein.
00:07:50: Die ersten Wochen hat sie liegen bleiben und gewartet dass es vorbei geht –es ging nicht vorbei.
00:07:57: Also steht sie jetzt auf.
00:07:59: Sie schaut nicht auf die Uhr sie rechnet nicht aus wie viele Stunden noch bleiben.
00:08:04: diese Rechnung macht es immer schlimmer.
00:08:06: je mehr man rechnet desto wacher wird man.
00:08:09: Stattdessen macht sie sich eine Tasse und geht raus.
00:08:13: Die Nacht ist nicht der Feind, Sie ist nur anders als der Tag – stiller, langsamer, weicher.
00:08:19: an den Kanten Und sie ist eine alte Bekannte In ihrer Hand hält sie eine Tassekamillentee.
00:08:26: Der Tee ist schon fast kalt, sie hat vergessen ihn zu trinken weil sie zugehört hat Dem Wind, dem Blättern, dem leisen Knarzen des Balkon-Gitters.
00:08:35: wenn der Wind dagegen drückt Ein kleines regelmäßiges Geräusch, das sie inzwischen mag.
00:08:40: Es klingt nach zu Hause.
00:08:42: Kalter Karmillentee ist auch gut!
00:08:45: Sie schaut auf die Straße unter ihr.
00:08:48: Die Straße ist leer und still – Das Pflaster glänzt ein bisschen, es hat am Nachmittag kurz geregnet Und die Feuchtigkeit ist noch da, gespeichert im Stein.
00:09:00: Die Straßenerterne am Ende des Blocks wirft einen orangenen Kreis auf den Boden.
00:09:05: In diesem Kreis Genau in diesem Kreis sitzt eine Katze.
00:09:10: Sie ist grau oder vielleicht gestromt, das ist schwer zu sagen bei diesem Licht – sie sitzt vollkommen still und schaut gerade aus.
00:09:19: Katzen haben das diese Fähigkeit vollkommen Still zu sitzen ohne gelangweil zu wirken als wirken sie etwas sehen was andere nicht sehen.
00:09:30: dann langsam dreht sie den Kopf.
00:09:33: sie schaut nach oben zu Greta.
00:09:37: Einen Moment lang schauen sie sich an, die Frau auf dem Balkon und die Katze auf dem Pflaster.
00:09:43: Zwei Wesen, die beide nicht schlafen und beide damit ihren Frieden gemacht haben.
00:09:49: Dann geht die Katz weiter – mit dieser Würde, die Katzen nachts haben als gehörte ihnen die Welt, tagsüber gehört die Welt den Menschen, nachts gehört sie den Katzen und im Wind unter Stille.
00:10:03: Greta lächelt.
00:10:05: Der Wind bewegt ihr Haar Ganz leicht von der Seite.
00:10:09: Sie schließt die Augen für einen Moment, nicht weil sie müde ist, sondern weil es so angenehm ist – Der Wind auf der Haut, der Geruch des Sommers, der langsam zu Ende geht Das Rauschen der Linde in der Ferne das Salz in der Luft Das leise Rausche der Lnde Die Wärme der Tasse in ihrer Hand auch wenn der Tee kalt ist.
00:10:33: Die Keramik hat die Wärmung noch gespeichert.
00:10:36: Es ist genug.
00:10:38: Am Hafen liegt ein altes Fischerboot.
00:10:42: Es heißt Anna Marie, die Buchstaben verblasst das Holz dunkel vom Wasser und von vielen Jahren.
00:10:48: Früher ist es jeden Morgen vor Sonnenaufgang rausgefahren – früher kannte jeder in der Stadt es an seinem Motor, an seiner Farbe, an der Art wie es in den Hafen einlief.
00:11:00: Seit drei Jahren fährt es nicht mehr aber es liegt dort ruhig geduldig als würde es warten.
00:11:08: Das Wasser bewegt es sanft, vor und zurück, vor-und zurück.
00:11:13: Das Wasser ist dunkel heute Nacht fast schwarz mit kleinen Reflexen darin wenn der Wind eine Welle macht.
00:11:19: Es spiegelt die Sterne unscharf bewegt aber da Als wäre da unten eine zweite Version des Himmels Eine die sich nicht so sicher ist von sich selbst.
00:11:30: Die Leinen die das Boot halten knarzen leise bei jeder Bewegung.
00:11:34: Es ist ein gleichmäßiges Geräusch Fast wie Musik, fast wie Atem.
00:11:39: Einatmen wenn das Boot nach vorne schaukelt Ausatmen Wenn es zurückgeht.
00:11:46: Eine Möwe schläft auf dem Dach der kleinen Kabine Den Kopf unter den Flügel gesteckt.
00:11:51: Sie weiß nichts von der Nacht Nichts vom Wind Nichts von Greta auf ihrem Balkon Nichts Von Klaus in seiner Bäckerei Nichts van dem alten Mann Der ein Stück weiter am Fenster sitzt und noch wach ist.
00:12:04: Sie schläft einfach Vollständig ohne Vorbehalt.
00:12:09: Das Wasser schaukelt das Boot vor und zurück, vor-und zurück.
00:12:14: Nicht weit vom Hafen entfernt wohnt ein alter Mann namens Heinrich.
00:12:20: Er ist siebenundsiebzig Jahre alt und war dreißig jahrelang Fischer auf diesem Meer in dieser Bucht mit diesem Wind.
00:12:27: Er kennt das Wasser wie andere Menschen ihre eigene Küche kennen.
00:12:31: Erkennt seine Launen und seine Ruhe und die Art, wie es riecht wenn sich das Wetter ändert.
00:12:37: Er kann am Morgen aus dem Fenster schauen und wissen, wie der Tag wird.
00:12:41: Nicht weil er hell sehen kann sondern weil er dreißig Jahre lang aufgepasst hat.
00:12:46: Dreißig jahrelang jeden Morgen vor Sonnenaufgang raus bei Regen und Sturm und Hitze und Nebel.
00:12:53: Der Körper lernt das!
00:12:55: Er vergisst es nie wieder.
00:12:57: Heinrich schläft auch nicht mehr so gut – Das ist nicht schlimm.
00:13:01: Er schläft schon seit Jahren wenig, seit seine Frau nicht mehr da ist.
00:13:05: Die Nacht war früher zu zweit anders voller, wärmer.
00:13:09: Er hat sich daran gewöhnt, dass das jetzt fehlt.
00:13:12: Die Nacht ist trotzdem gut – er kennt sie!
00:13:15: Sie isst ihm vertraut wie ein alter Nachbar.
00:13:18: Er sitzt in seinem Sessel am Fenster.
00:13:22: Der Sessel ist alt, das Leder abgegriffen an den Arm lehnen, ein bisschen schief an einer Seite weil er immer auf dieselbe Art hineinsitzt.
00:13:30: Er passt sich Hinrich an wie ein guter Schuh der lange getragen wurde.
00:13:35: Heinrich würde ihn gegen keinen neuen tauschen.
00:13:38: Manche Dinge werden besser, indem sie älter werden.
00:13:42: Draußen sieht er den Hafen – er sieht die Anamari!
00:13:45: Er kennt sie gut und hat oft genug neben ihr Gelegen mit seinem eigenen Boot.
00:13:50: Sein Boot gibt es nicht mehr aber die Anamarie liegt noch dort.
00:13:55: Er schaut wie sie schaukelt vor- und zurück.
00:13:58: Er nickt leicht dabei ohne es zu merken als würde er ihr zustimmen als würden Sie sich etwas erzählen was keine Worte braucht.
00:14:07: In seiner Hand hält er ein kleines Glas, nur einen Fingerhutschnaps.
00:14:12: Mehr braucht er nicht!
00:14:13: Nur etwas was warm wird im Bauch und die Nacht ein bisschen weicher macht.
00:14:18: Er trinkt langsam – er hat keine Eile.
00:14:22: Er denkt an früher ….
00:14:23: Nicht mit Trauer… einfach so ohne Absicht.
00:14:27: Die Bilder kommen von selbst in ruhigen Nächten wenn der Kopf leer ist und der Wind draußen weht.
00:14:34: Das Gesicht seiner Frau am Morgen, wenn er vom Fischen zurückkam müde und nach Salz riechend, Und froh zu Hause zu sein.
00:14:43: Der Geruch von Kaffee der schon fertig war Weil sie immer wusste wann er kam.
00:14:47: Das Lachen seiner Kinder Die jetzt selbst Kinder haben die Lachen!
00:14:52: Die Zeit geht.
00:14:54: Sie nimmt manches mit Sie lässt anderes zurück.
00:14:58: Er lächelt.
00:14:59: Der Wind drückt leise gegen seinen Fenster.
00:15:02: Ein sanfter Druck Kein Sturm Nur der Abendwind.
00:15:06: der fragt Ob noch jemand wach ist.
00:15:09: Heinrich schaut nach oben in den Himmel.
00:15:12: Die Sterne sind klar heute Nacht, kein Nebel, keine Wolken!
00:15:16: Er kennt sie wie alte Bekannte – der dort das ist Uryon und dort das Siebengestirn.
00:15:23: Als Junge hat er sie auswendig gelernt weil sein Vater sagte ein Fischer der die Sterne nicht kennt ist wie ein Vogel der nicht fliegen kann.
00:15:33: Er hat sie nie vergessen.
00:15:35: manche Dinge bleiben.
00:15:38: stellt das Glas auf den kleinen Tisch neben dem Sessel.
00:15:42: Schaut noch einmal raus, auf das Wasser!
00:15:44: Auf die Annamarie, die schaukelt vor und zurück – vor und zurück Als würde sie ihm gute Nacht sagen.
00:15:54: Dann schließt er die Augen.
00:15:56: Der Wind läuft weiter durch die Gassen der Stadt.
00:16:00: Er streicht über das Pflaster des Marktplatzes.
00:16:03: Er schiebt ein einzelnes Blatt vor sich her ein frühes, trocken und gebogen am Rand das schon im August gefallen ist.
00:16:10: Das Blatt dreht sich, bleibt kurz stehen, dreht sie wieder.
00:16:14: Dann ist es weg um eine Ecke in die Dunkelheit.
00:16:19: Der Wind hat es schon vergessen.
00:16:21: Die Linde rauscht.
00:16:24: Greta auf ihrem Balkon hat die Augen noch immer geschlossen.
00:16:37: weit weg, vielleicht auf der anderen Seite der Stadt, vielleicht noch weiter fährt ein Zug.
00:16:43: Man hört ihn kaum.
00:16:45: Nur ein leises Summen.
00:16:46: das kommt und geht wie ein Gedanke, der auftaucht und wieder verschwindet bevor man ihn greifen kann.
00:16:54: Es ist halb elf.
00:16:55: Früher wäre sie jetzt losgegangen.
00:16:58: Jacke Schlüssel achzehn Schritte erste Tür.
00:17:03: Sie merkt dass sie den Gedanken denkt.
00:17:05: Sie merkt auch, dass er sie nicht mehr zieht.
00:17:08: Er ist nur noch ein Zug der weit wegfährt.
00:17:11: Man hört ihn und dann hört man ihn nicht mehr.
00:17:15: Greta atmet aus.
00:17:17: Tief – und langsam!
00:17:20: Sie spürt wie sich ihre Schultern senken, Wie sich die Spannung löst, Die sie den ganzen Tag mit sich getragen hat Diese kleine ständige Bereitschaft, Die vierzig Jahre lang gebraucht wurde Und jetzt niemanden mehr braucht.
00:17:35: Nicht auf einmal, aber Schicht für Schicht.
00:17:38: Wie Zucker in warmem Wasser.
00:17:41: Wie Nebel wenn die Sonne kommt!
00:17:43: Sie muss heute Nacht nirgendwo hin.
00:17:46: Niemand wartet auf ihre Schritte im Flur.
00:17:49: Zum ersten Mal seit dem Frühling fühlt sich das nicht an wie etwas dass ihr genommen wurde sondern wie etwas das ihr geschenkt wird.
00:17:58: sie atmet ein Salz Wind der leichte Geruch von Nassemstein und Kamille.
00:18:06: Sie atmet aus.
00:18:08: Klaus in der Bäckerei formt jetzt die Brötchen, eins nach dem anderen.
00:18:14: Seine Hände kennen die Form rund fest gleichmäßig.
00:18:19: er braucht nicht hinzuschauen.
00:18:21: Er legt sie auf das Blech eins zwei drei und greift schon nach dem nächsten Stück Teig.
00:18:28: Es ist eine Bewegung die ihr zehntausendmal gemacht hat hunderttausend mal vielleicht.
00:18:33: Die Hände erinnern sich.
00:18:36: Er summt dabei, den gleichen Ton auf und ab ohne Anfang und ohne Ende.
00:18:42: Ein Lied das aus ihm herauskommt, ohne dass er es beabsichtigt.
00:18:48: Draußen geht jemand vorbei.
00:18:49: Klaus schaut auf ein Reflex aber da ist schon niemand mehr nur der leere Bürgersteig Das Kopfsteinpflaster Der Lichtstreifen Aus seinem Fenster Das Boot im Hafen schaukelt, vor und zurück, vor-und zurück.
00:19:13: Die Möwe schläft – das Wasser ist ruhig und dunke, die Sterne spiegeln sich darin, unscharf ein bisschen verschwommen aber da!
00:19:23: Alles is' da!
00:19:26: alles is gut!
00:19:28: Heinrich in seinem Sesse schläft jetzt auch.
00:19:32: Sein Kopf ist leicht zur Seite gesunken, die Hände liegen ruhig auf den Arm lehnen.
00:19:37: Er atmet gleichmäßig, tief und ruhig wie das Meer an einem stillen Tag.
00:19:42: Sein Gesicht ist entspannt!
00:19:44: Die Falten die tagsüber tiefer wirken sind weicher.
00:19:47: jetzt – er sieht jünger aus im Schlaf.
00:19:50: Als würde der Schlaf etwas zurückbringen was der Tag nimmt.
00:19:55: Draußen schaukelt die Anna Marie vor-und-zurück, vor-unzurück als würde sie ihm gute Nacht sagen, als würde Sie aufpassen während er schläft.
00:20:06: In einem Haus am Ende der Hafenstraße schläft schon jemand.
00:20:11: Hinter dem Fenster mit den blauen Vorhängen, dicke schwere Vorhänge die den Raum dunkel halten liegt der Mann mit der dunklen Jacke – die Jacke hängt über dem Stuhl!
00:20:22: Er ist über den Marktplatz gekommen an der Linde vorbei, den Weg, den er jeden Abend geht.
00:20:28: Er weiß nur noch, dass es sich gut angefühlt hat und das er danach ruhiger nach Hause gegangen ist als sonst.
00:20:39: Vielleicht ist der schnell eingeschlafen?
00:20:41: Vielleicht langsam?
00:20:43: Vielleicht hat es lang gedauert heute Nacht – und irgendwann ist der Gedanke einfach weggedriftet!
00:20:49: Wie ein Boot, das sich von seinem Steg löst und langsam ganz langsam aufs offene Wasser zieht.
00:20:56: Ohne Eile ohne Ziel.
00:20:58: Einfach so….
00:21:00: Hinter dem Fenster ist es still.
00:21:03: Ganz still!
00:21:05: Die Nacht ist lang, sie hat keine Eile – Sie wartet auf niemanden und sie treibt niemanden an.
00:21:13: Sie isst einfach da, groß- und still-und dunkel- Und voll von diesen kleinen Geräuschen die man tagsüber nicht hört Das Knarzen einer Dachrinne das Tropfen von irgendwo Das Ferne bell'n eines Hundes.
00:21:27: einmal dann stille Fast alle.
00:21:33: Ein paar Fenster sind noch hell, hier und dort ein schlafloser, ein Nachtarbeiter jemand der auf einen Anruf wartet.
00:21:41: Aber die meisten Fenster ist dunkel.
00:21:43: Die meisten Menschen liegen irgendwo in dieser Stadt und atmen ruhig Ohne es zu wissen, ohne es zu fühlen.
00:21:51: einfach so.
00:21:53: Der Atem geht von selbst Das Herz schlägt von selbst Der Körper weiß was er tut Er braucht keine Anweisungen Und die, die noch wach sind, die lassen es zu.
00:22:05: Sie kämpfen nicht!
00:22:07: sie schauen nicht auf die Uhr, sie rechnen nicht nach.
00:22:10: Sie lassen einfach die Nacht-die-Nacht sein mit ihrem Wind, mit ihren Geräuschen und ihrer eigentümlichen Stille, die sich anders anfühlt als Tagesstille.
00:22:20: Sie atmen.
00:22:22: Sie hören den Wind.
00:22:25: Der Wind weht Die Linde rauscht Das Boot schaukelt Vor und zurück Vor und zurück, vor und zurück.
00:22:37: Greta öffnet kurz die Augen.
00:22:39: Sie schaut auf die leere Straße das Pflaster den Orangenlichtkreis der Laterne.
00:22:44: Die Katze ist lange weg.
00:22:46: Irgendwo schläft auch sie jetzt unter einem Gebüsch vielleicht oder auf einer warmen Motorhaube Oder in einem Hausflur der immer offen ist Zusammengerollt warm vollständig.
00:22:59: Greta schließt die Augen wieder.
00:23:02: Sie isst noch nicht müde Aber sie ist ruhig, vollständig ruhig.
00:23:07: Das ist genug!
00:23:09: Und irgendwann später wird sie hineingehen und sich hinlegen – und es wird ihr nichts ausmachen wie lange es
00:23:16: dauert.".
00:23:18: Der Wind streicht über ihren Balkon, warm und leise und ohne Eile.
00:23:24: Er nimmt nichts mit, er bringt nichts.
00:23:27: Er weht einfach.
00:23:28: Durch diese Stadt, über diese Dächer an diesen Fenstern entlang.
00:23:34: Er wird hier sein, morgen Nacht.
00:23:38: Er kennt kein Gestern und kein Morgen – er kennt nur jetzt!
00:23:42: Jetzt diesen Moment diese Stille Klaus stellt das zweite Blech in den Ofen.
00:23:50: Die Ofentür klappt zu Dasselbe dumfe warme Geräusch wie immer.
00:23:56: Er wischt sich die Hände an seiner Schürze ab Und schaut kurz auf die Uhr.
00:24:01: Noch ein paar Stunden bis der erste Kunde kommt ein paar Stunden, in denen die Nacht ihm gehört.
00:24:08: Er geht zum Waschbecken – das Wasser ist kalt, er lässt es laufen bis es wärmer wird und wäscht sich das Mehl von den Unterarmen langsam gründlich wie man es macht.
00:24:19: wenn man keine Eile hat Dann trocknet er sich ab und lehnt sich kurz gegen den Tresen.
00:24:27: Draußen rauscht die Linde, er hört sie durch das geschlossene Fenster Dieses gleichmäßige weiche Rauschen, das er kennt seit er klein ist.
00:24:38: Er denkt an das Zimmer über der Backstube, an die Knie auf dem kalten Boden und den Lichtstreifen unten auf dem Pflaster – an seinen Vater, der immer da war!
00:24:50: Jetzt ist er derjenige, der das Licht anlässt.
00:24:54: Er macht sich noch einen Kaffee, stellt sich wieder ans Fenster.
00:24:58: Die Straße is leer Das Pflaster glänzt noch ein bisschen vom Regen am Nachmittag, der Lichtstreifen aus seinem Fenster liegt ruhig auf dem Boden genau da wo er immer lag.
00:25:11: Er trinkt, er schaut und denkt an nichts.
00:25:15: Das reicht!
00:25:17: Irgendwo schläft jetzt jemand ein – vielleicht bist du es?
00:25:23: Vielleicht spürst du es schon, dieses leichte Wegdriften?
00:25:27: Als würde der Boden unter dir ein bisschen weicher werden.
00:25:31: Als würden die Gedanken ihre Schärfe verlieren!
00:25:34: Als würde Der Abstand zwischen den Dingen größer werden, Zwischen einem Gedanken und dem Nächsten, Zwischendem Atemzug und dem Nächsten.
00:25:44: Lass es zu.
00:25:46: Du musst nirgendwo hin.
00:25:48: Du mußt nichts tun.
00:25:55: Das Boot schaukelt.
00:25:58: Vor und zurück, vor und zurück ,vor und zurück.
00:26:06: Klaus formt seine Brötchen eins nach dem anderen Greta atmet Heinrich schläft Der Mann hinter den blauen Vorhängen schläft Die Möwe schläft die Stadt schlägt Und die Nacht.
00:26:25: Die Nacht gehört im Wind Wie immer Wie immer.
00:26:33: Wer mag, folgt stille Orte Dann kommt die nächste Geschichte von selbst.
Neuer Kommentar